Identitätspolitik


Identitätspolitik ist die inzwischen übliche wörtliche Übersetzung des unscharfen, fast unübersetzbaren englischen Begriffs "identity politics". Die Nutzung des Begriffs ist nicht ganz einheitlich, man kann ihn sinngemäß am ehesten mit "Erzeugen von Gruppen- bzw. Kollektividentität" übersetzen.

Kollektive Identität

Begriffliche Ausgangsbasis ist hier die individuelle Identität einer Person in Sinne eines Selbstverständnisses, die u.a. durch ihre Biographie geprägt wird. Kollektive Identität (synonym benutzte Bezeichnungen: Gruppenidentität, Kollektivbewußtsein) bezeichnet das Phänomen, daß die Identität einer Person wesentlich durch die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen geprägt ist, z.B. Familie, Partei, Sportverein, Kirche, sexuelle Randgruppe oder sonstige Kollektive, die anhand von ethnischen, sozialen oder biologischen Merkmalen gebildet sein können.

Diese Zugehörigkeit wird in der Regel zugleich als Nichtzugehörigkeit zu alternativen, konkurrierenden Kollektiven ("Fremdgruppen") verstanden ("Othering").

Die Eigengruppe wird dabei oft zusätzlich als "Opfer" angesehen, die Fremdgruppe als Unterdrücker (s. Furedi (2018) bzgl. des Aufkommens der Opferstatus-Doktrin, der allgemeinen Viktimisierung und der Umdeutung bis dato normaler Erfahrungen in Opfererfahrungen in den 1970er-Jahren).

Identitätspolitik

Unter Identitätspolitik versteht man eine politische Strategie einer Interessengruppe, die Kollektividentität ihrer Mitglieder zu maximieren. Es ist eine Methode der Bewußtseinslenkung und Feindbildkonstruktion, die folgende Ziele hat:
  • Formung der individuellen Identität: Mitglieder sollen nicht mehr als Individuum verstehen, sondern als Mitglied dieses Kollektivs. Kritik an diesem Kollektiv oder eines Mitglied des Kollektivs wird dann als Kritik an der eigenen Person gewertet und entsprechend scharf zurückgewiesen.
  • Kommunikation nach außen: Jedes Mitglied des Kollektiv kann im Namen des Kollektivs sprechen (auch wenn die private Meinung nicht unbedingt repräsentativ ist) und die ganze Autorität des Kollektivs für sich beanspruchen. Umgekehrt wird Personen der Fremdgruppe die Fähigkeit abgesprochen, die Interessen des Kollektivs zu verstehen oder in Debatten zu vertreten. Auch das Grundrecht auf Meinungsäußerung wird Mitgliedern der Fremdgruppe dahingehend aberkannt. Dies gilt insb. im häufigen Fall, daß sich die Mitglieder des Kollektivs, das die Identitätspolitik betreibt, diskriminiert fühlen und die Schuld daran der Fremdgruppe zuweisen (oft unter Nutzung der feministischen Privilegientheorie).
  • Wertekanon: Mitglieder sollen die Werte und Normen dieses Kollektivs als absolut gesetzt ansehen und kritiklos übernehmen.
  • Kollektivismus: Die Interessen des Kollektivs (wie auch immer bestimmt) werden über die Interessen des Individuums gestellt. Ggf. wird das Kollektiv sogar als Inhaber formaler Rechte gegenüber konkurrierenden Kollektiven angesehen. Ein Musterbeispiel hierfür sind Frauen- bzw. Diversitätsquoten.
  • Diskursstrategie: Sachdiskussionen werden ersetzt durch das Bekenntnis, diesem Kollektiv anzugehören.
Identitätspolitik ist eng verwandt mit der Opferstatus-Doktrin, mit Diversität als politischem Ziel bzw. Strategie und dem Intersektionalismus und dem Multikulturalismus.

Geschlechtsbezogene Identitätspolitik ist eine grundlegende, sehr alte und sehr verbreitete feministische Agitationsmethode. Der Feminismus ist eine der wichtigsten Kräfte, die die Identitätspolitik als politische Strategie hoffähig gemacht haben (in Deutschland; in den USA steht das Rassenproblem stärker im Vordergrund).

Entstehung und Verbreitung von Identitätspolitik

Identitätspolitik ist schon als "Zustandsbeschreibung" zeitbehaftet: Wenn man behauptet, in einer bestimmten Gesellschaft würde Identitätspolitik betrieben, unterstellt man einen längeren Zeitraum von Monaten oder sogar Jahren, in dem die Mitglieder der identitären Gruppe(n) ideologisch beeinflußt wurden.

Auf einer größeren Zeitskala liegt die Frage, wie Identitätspolitik entstehen konnte, also wie eine Gesellschaft, in der Identitätspolitik kaum beobachtbar war bzw. nicht relevant war, zu einer Gesellschaft mutierte, in der Identitätspolitik als Politikstil verbreitet ist und in der mehrere identitäre Gruppen politisch relevant sind.

Eine kollektive Identität entsteht sehr leicht bei Minderheiten, die tatsächlich von der Mehrheit substantiell geschädigt werden. Ein klassisches Beispiel ist die Strafbarkeit von Homosexualität: Das Gesetz macht diese Gruppe von Betroffenen zu einem Kollektiv mit einer gemeinsamen, objektiv vorhandenen Diskriminierung. Eine soziale Bewegung entsteht hieraus, sobald gefahrlos über diese Diskriminierung kommuniziert werden kann und die gemeinsamen Interessen verstanden werden.

In anderen heute beobachtbaren Fällen liegen keine objektiven Diskriminierungen vor, sondern willkürliche, subjektive Wertungen sozialer Verhältnisse (z.B. bei der Anti-Fat-Shaming-Bewegung) oder Machtansprüche von Minderheiten alleine aufgrund der Tatsache, eine ("marginalisierte") Minderheit zu sein, die sich demokratischen Mehrheitsbeschlüssen unterordnen muß. Besonders anfällig hierfür sind Gesellschaften, in denen die Opferstatus-Doktrin gilt, also ein hoher Opferstatus ein kulturelles Kapital darstellt. Extrem wichtig bei der Konstruktion des Opferstatus ist hier die Unterstützung durch die Medien.

Schädlichkeit der Identitätspolitik

Identitätspolitik führt nahezu zwangsläufig zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Kulturrelativismus (also Aufgabe eigener Grundwerte und elementarer Menschenrechte, s. Scheu (2018)) und zu Parallelgesellschaften. Typischerweise fordern die einzelnen identitären Gruppen Sonderrechte für sich selber, um angebliche Diskriminierungen zu kompensieren, die in Wirklichkeit nur graduelle soziale Ungleichheiten sind oder die ggf. nur gefühlt und nicht objektiv darstellbar sind. Dies ist diametral entgegengesetzt zum Ideal der Aufklärung, wonach alle Bürger die gleichen Rechte und Pflichten haben.

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Quellen