Die Glaubwürdigkeits- und Replikationskrise in der Psychologie und Soziologie





Inhaltsübersicht



Einführung und Übersicht


Die Sozialwissenschaften erleben seit langem eine Krise hinsichtlich der Zuverlässigkeit ihrer Forschungsergebnisse. Die feministischen Gender Studies als Teil der Sozialwissenschaften haben hierzu wesentlich beigetragen, das Problem geht aber über die Gender Studies hinaus, es hat zwei Aspekte:
  1. das Versagen der Qualitätssicherungssysteme, das zu offensichtlich falschen "Ergebnissen" führt und das als grobe Fahrlässigkeit charakterisiert werden kann
  2. die Nichtreproduzierbarkeit von Untersuchungsergebnissen, die erst durch aufwendige Replikationsstudien festgestellt werden kann


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Offensichtliches Versagen der Qualitätssicherungssysteme


Einer breiteren Öffentlichkeit bewußt wurde das Problem der völlig versagenden Qualitätssicherungssysteme in der Sokal-Affäre. Der Physiker Alan Sokal reichte 1996 bei einer ideologisch geprägten sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift einen Beitrag ein, der in der Sache haarsträubenden Unsinn enthielt, dies aber hinter besonders unverständlichen Ausdrucksweisen und vielen verbalen Bekräftigungen ideologischer Dogmen versteckte. Die Parodie wurde nicht als solche erkannt und als wissenschaftlicher Beitrag veröffentlicht. Dies hatte eine langanhaltende Debatte über Pseudowissenschaftlichkeit in den Sozial- und Geisteswissenschaften zur Folge.

Ein weiteres, ggf. hinsichtlich der Zahl involvierter Forscher sogar gravierenderes Beispiel ist der Fredrickson/Losada-Skandal.

Eine weitere Unsinnspublikation plazierten Boghossian und Lindsay (Boghossian (2017)), allerdings in einer weniger selektiven Zeitschrift.

Unrichtige Behauptungen über die schädliche Wirkung von Stereotypen

In der Stereotypforschung sind unrichtige Behauptungen über die schädliche Wirkung von Stereotypen weit verbreitet; Jussim (2015) listet markante Beispiele für eklatant falsche Interpretationen von statistischen Werten, s. ferner eine Literaturliste zum Stereotype Threat.

Die gefälschten Studien des Self-Esteem-Movement

Storr (2017) schildert die Historie des self-esteem movement, das weltweit die falsche Meinung verbreitete, durch eine bessere Selbsteinschätzung können man seine Leistungen verbessern, und die damit zusammenhängenden Lügen.

Ursacheanalyse: Ideologische Monokultur

Die Sozial- und Geisteswissenschaften sind wegen des weitgehenden Fehlens einer empirischen Überprüfbarkeit besonders anfällig für Denkschulen und Ideologisierungen. Das beste Gegenmittel hiergegen ist ideologische Diversität in der Forscherpopulation und eine offene Debattenkultur. Von diesem wünschenswerten Zustand haben sich die Sozial- und Geisteswissenschaften inzwischen weit entfernt. Duarte (2014), Martin (2015) und Haidt (2015) weisen darauf hin, daß die politische Korrektheit in Schulen bzw. Hochschulen inzwischen zu einem Klima der Angst, zu Denkverboten, zum systematischen Ausschluß von Lösungsansätzen und zu minderwertigen Ergebnissen führt, weil vorhandene Dogmen nicht mehr kritisch hinterfragt werden.


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Die Nichtreproduzierbarkeit von Ergebnissen


Selbst bei einwandfreien Qualitätssicherungsmaßnahmen sind sozialwissenschaftliche Theorien und darauf basierende Prognosen oft unzuverlässig in dem Sinne, daß sich Studienergebnisse nicht oder nur stark abgeschwächt reproduzieren lassen. Eine Übertragung von Studienergebnissen auf die breite Bevölkerung ist zwar regelmäßige politische Praxis (auf allen Seiten!), somit aber erst recht spekulativ.

Das Problem der Nichtreproduzierbarkeit ist seit langem auch den Sozialwissenschaftlern bekannt und hat zu vielfältigen Gegenmaßnahmen geführt, insb. Standards, wie in Laborsituationen Meßfehler und Fremdeinflüsse zu vermeiden sind. Trotz dieser Standards ist die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse relativ schlecht. Dies wird schon seit langem moniert, z.B. in 2010 von Lehrer (2010). Das Reproducibility Project Psychology hat die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse von 100 Journalpublikationen untersucht und kam zu sehr ernüchternden Ergebnissen. Weitere Beispiele s. Literatur zur Replikationskrise in der Psychologie.

Theorien bzw. Modelle in der Psychologie und den Sozialwissenschaften sind daher generell mit großer Vorsicht und als unzuverlässig hinsichtlich Prognosen zu betrachten. Das gilt wohlgemerkt für beide Seiten der Debatten.

Anmerkung: Wenn hier die Zuverlässigkeit der Erkenntnisse sozialwissenschaftlicher akademischer Forschung kritisiert wird, heißt das nicht, daß es außerhalb der Forschung bzw. Sozialwissenschaften besser zuginge, ganz im Gegenteil. In der Politik und bei vielen täglichen sozialen Handlungen werden laufend Annahmen über soziale Prozesse benutzt, also letztlich soziologische Modelle unterstellt, die noch weitaus unzuverlässiger sind. Ggf. werden solche Modelle nur unterbewußt benutzt bzw. ad hoc erfunden. Insofern ist der häufig geäußerte Vorwurf, das sozialwissenschaftliche Wissen sei weitaus unzuverlässiger als das typische naturwissenschaftliche Wissen, zwar sachlich korrekt, geht aber am Problem vorbei: Antworten auf die interessierenden Fragen werden in der Praxis sofort benötigt, und die akademischen Antworten auf die Fragen sind i.d.R. besser als die sonst benutzten Stammtischweisheiten.



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Literatur zu Hoax-Skandalen


  1. Peter Boghossian, Ed.D. (aka Peter Boyle, Ed.D.), James Lindsay, Ph.D. (aka, Jamie Lindsay, Ph.D.): The Conceptual Penis as a Social Construct: A Sokal-Style Hoax on Gender Studies. SKEPTIC, 19.05.2017. http://www.skeptic.com/reading_room/conceptual-penis-so ... -hoax-o
  2. Alexander Durin: Fehler im System mancher Wissenschaften. Telepolis, Heise, 02.03.2014. http://www.heise.de/tp/artikel/41/41100/1.html, http://www.heise.de/tp/artikel/41/41100/1.html
    Der Artikel beschreibt den Fredrickson/Losada-Skandal. Es handelt sich hierbei um die Publikation Positive Affect and the Complex Dynamics of Human Flourishing. Diese wurde 2005 in einer sehr renomierten Psychologischen Zeitschrift publiziert und mehrere hundert Male zitiert, da sie einen bahnbrechende Ansatz beschrieb. Sie enthielt aber gravierende Mängel in der mathematischen Modellierung, die bei jeder halbwegs seriösen Begutachtung hätten auffallen müssen.
  3. Alan D. Sokal: Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity. Social Text 46/47:217-252, 1996. http://www.physics.nyu.edu/faculty/sokal/transgress_v2/ ... le.html s.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Sokal-Aff%C3%A4re


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Literatur zur Replikationskrise in der Psychologie


  1. Lee Jussim: Is Stereotype Threat Overcooked, Overstated, and Oversold?. heterodoxacademy.org, 30.12.2015. http://heterodoxacademy.org/2015/12/30/is-stereotype-th ... ersold/
  2. Jonah Lehrer: The Truth Wears Off. New Yorker, 13.12.2010. http://www.newyorker.com/reporting/2010/12/13/101213fa_ ... age=all
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  3. B. A. Nosek et al.: Estimating the reproducibility of psychological science. Science, Vol. 349 no. 6251, DOI: 10.1126/science.aac4716, 28.08.2015. http://www.sciencemag.org/content/349/6251/aac4716
  4. Ulrich Schimmack: Replicability Review of 2016. https://replicationindex.wordpress.com, 31.12.2016. https://replicationindex.wordpress.com/2016/12/31/replicability-review-of-2016/
  5. Ulrich Schimmack: Hidden Figures: Replication Failures in the Stereotype Threat Literature. https://replicationindex.wordpress.com, 07.04.2017. https://replicationindex.wordpress.com/2017/04/07/hidde ... rature/
  6. Will Storr / Clay Routledge: On the Modern Self - An Interview will Will Storr. Psychology Today, 19.08.2017. https://www.psychologytoday.com/blog/more-mortal/201708/the-modern-self
  7. Ed Yong: How Reliable Are Psychology Studies?. The Atlantic, 27.08.2015. http://www.theatlantic.com/health/archive/2015/08/psych ... 402466/


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Literatur zur Ideologisierung in der Sozial-Psychologie


  1. José L. Duarte, Jarret T. Crawford, Charlotta Stern, Jonathan Haidt, Lee Jussim, Philip E. Tetlock: Political Diversity Will Improve Social Psychological Science (preprint). Cambridge University Press, 2014. http://journals.cambridge.org/images/fileUpload/documen ... int.pdf
  2. Jonathan Haidt: It's finally out-The big review paper on the lack of political diversity in social psychology. heterodoxacademy.org, 14.09.2015. http://heterodoxacademy.org/2015/09/14/bbs-paper-on-lack-of-political-diversity/
  3. Chris C. Martin: How Ideology Has Hindered Sociological Insight. The American Sociologist, Springer, 2013. http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs12108-015-9263-z
    Kurzfassung in: Chris Martin: How Ideology Has Hindered Sociological Insight, summarized. heterodoxacademy.org, 21.09.2015. http://heterodoxacademy.org/2015/09/21/how-ideology-has ... ized-2/


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