Freitag, 15. Januar 2021

ttt - täuschen, tricksen, theatralisieren: Agenda Setting im ÖRR


In Folge 3 der Winterschule "Mediendemokratie" war mehrfach von "Agenda Setting" durch die Medien die Rede, ferner davon, daß man in den Talkshows und Magazinen eher selten durch objektive Falschaussagen täuscht, sondern mehr durch Weglassen relevanter Informationen und Einladen der "richtigen" Experten bzw. Zeugen. Damit beides nicht so abstrakt und trocken bleibt, scheint ein Beispiel sinnvoll. Man muß im ÖRR nicht lange danach suchen, vor ein paar Tagen gab es mal wieder ein Musterbeispiel, das Video Toxische Männlichkeit und Frauenhass von ttt im Ersten Programm der ARD, also an prominenter Stelle. Das Video betreibt knallhartes Agenda Setting, zentrale Aussagen sind objektiv falsch oder irreführend, und es wird versucht, zwei Radikalfeministinnen mit stark verzerrter Realitätswahrnehmung als Experten aufzubauen - Politik funktioniert heute weniger über Sachargumente und mehr über Experten, deren Glaubwürdigkeit medial konstituiert wird.

Wie schon im Titel unschwer erkennbar ging es vor allem darum, im öffentlichen Bewußtsein das übergeordnete Narrativ von der Giftigkeit (bzw. Gewalttätigkeit, Gefährlichkeit usw.) von Männern zu verankern, ebenso das komplementäre Narrativ vom immerwährenden Opferstatus von Frauen. Die Sendung dient auch der Angsterzeugung, das ist eine der wirksamsten Propagandamethoden. Beide Narrative sollen Maßnahmen gegen Männer und zugunsten von Frauen als dringende politische Aktionsfelder verankern, also dem Thema eine hohe Priorität in der politischen Agenda verschaffen.

Um diese Narrative zu verstärken, propagierte diese Sendung (neben anderen) das Narrativ, daß die sogenannten Incels eine relevante Gefährdung der Öffentlichkeit, insb. von Frauen, darstellen und ein wesentlicher Teil von rechtsradikalen Bewegungen sind. Dieses Incel-Narrativ und seine Inszenierung in diesem Video schauen wir uns in diesem Blogpost näher an.

Bevor man jetzt hier weiterliest, sollte man sich das Video (5:50) unbeeinflußt vom folgenden Text selber anschauen und sich danach fragen, welche Eindrücke hängengeblieben sind.



Das Problem "Incels" - eine demographische Betrachtung

Bevor wir das Video selber besprechen, rekapitulieren wir vorher kurz die wichtigsten Fakten zu Problem "Incels". "Incel" steht für involuntary celibate, also unfreiwillig zölibatär. "Zölibatär" wird genauso wie der Begriff "Single" mit mehreren Bedeutungen benutzt, vor allem: (1) nicht in einer Partnerschaft leben, also alleine und einsam zu sein, keine emotionale Bindung zu haben, und (2) keinen Sex zu haben. Die Bedeutungen sind zwar verschiedenen, die betroffenen Personenkreise überlappen aber stark.

Unfreiwillig zölibatär bzw. Single sind sehr viele Menschen. Aus biologischen Gründen sind Männer davon weitaus stärker als Frauen betroffen: Bei den Lebendgeburten besteht ein Jungenüberschuß von ca. 5%. Bei größenordnungsmäßig ca. 20 Millionen deutschen Männern im Alter von ca. 15 - 45 Jahren führt dies zu 1 Mio. Männern, die prinzipiell keine dauerhafte Beziehung zu einer Frau haben können. Der Jungen- bzw. Männerüberschuß ist eine Hauptursache für die weibliche Hypergamie, d.h. die überschüssigen 1 Mio. Männer rekrutieren sich vor allem aus Männern, die aus Sicht von Frauen bzgl. Bildung, sozialem Status oder äußerer Erscheinung unattraktiv sind.

Der Begriff "Incel" wird aber in den Medien nicht im wörtlichen Sinn benutzt, sondern für den Teil der Singles, die sich in Haß-Foren austoben. Über die Größe und soziale Zusammensetzung dieser Population weiß man wenig. Die Haß-Foren - die z.T. geschlossen wurden - waren alle englischsprachig, ein deutschsprachiges Incel-Forum scheint nicht zu existieren. In den englischsprachigen Foren, deren Teilnehmer aus Nordamerika und ganz Europa stammen, kann ein Anteil von ca. 10 % Deutschen vermutet werden. Bei einer Größe irgendwo zwischen 10.000 und 50.000 Teilnehmern kann man die Zahl der Deutschen sehr grob mit 1.000 bis 5.000 einschätzen.

Ein sehr großer Anteil - grob geschätzt die Hälfte - der Incels hat einen Migrationshintergrund. Dies ist kaum anders zu erwarten, denn diese Gruppe steht unten auf der Attraktivitätsskala. Erheblich überrepräsentiert sind ferner Autisten mit einem Anteil von ca. 10 %. Praktisch alle Mitglieder der Foren sind depressiv, i.d.R. wegen objektiv vorhandener äußerlicher oder sozialer Unattraktivität, daraus folgender Chancenlosigkeit auf dem Beziehungsmarkt sowie Mobbing. Ein großer Teil ist suizidgefährdet. Suizide werden häufig angekündigt und offenbar in vielen Fällen auch tatsächlich begangen. Es ist nicht klar, ob die Depressionen zuerst da waren und der Grund waren, Mitglied in den Foren zu werden, oder ob die Kausalität umgekehrt ist. Unstrittig ist, daß Depressionen und Suizidgefährdung in den Foren verstärkt werden.

Die "Incels" machen nur wenige Promille der unfreiwillig zölibatär lebenden Männer aus, deutlich unter einem Promille aller Männer im "verpartnerungsfähigen" Alter von ca. 15 - 45 Jahren. Ihre demographische Zusammensetzung ist sehr speziell. Ein Rückschluß von dieser Minderheit auf die Männlichkeit im allgemeinen - der durch dem Begriff Kampfbegriff "toxische Männlichkeit" suggeriert wird - ist daher schon aus demographischen Gründen unhaltbar.

Das ttt-Video

Der Einfachheit halber gehen wir die Tricksereien und Falschdarstellungen in dem Video in zeitlicher Reihenfolge durch.

Anmoderation

0:40 Moderator: Es ist höchste Zeit, diese toxische Männerwelt ins Auge zu fassen.
Vor dem eigentlichen Video bringt der Moderator seinen Abscheu über die Incels zum Ausdruck. Implizit behauptet er hier, Incels seien bisher nicht ins Auge gefaßt worden. Diese These wird ganz am Ende des Videos noch einmal bekräftigt, damit sie auch beim Zuschauer hängenbleibt:
5:20 Sprecher: Es ist eine Welt des Grauens, in der sich Männer vernetzen, die sich an Gewalt gegen Frauen aufgeilen. Eine Welt, die bisher kaum jemand beachtet und ihre Gefahr ernst genommen hat. Es wird Zeit, dass wir uns damit beschäftigen, wie es dazu kommen kann, dass Männer ihren Hass auf sich selbst an Frauen ausleben.
Die These, Incels seien bisher nicht oder "von kaum jemandem" beachtet worden (und müsse umgehend auf die Tagesordnung), ist an Absurdität und Verlogenheit kaum zu überbieten. Alleine der Fall Elliot Rodger in 2018 hatte weltweites Aufsehen erregt, die Incels sehr bekannt gemacht und für hunderte Presseartikel gesorgt. Die Gefahr durch Incels bekommt regelmäßig über Interviews, Artikel und andere Formen Publizität. Alleine im ÖRR findet man 5 Sendetermine in den letzten 3 Monaten, obwohl es keinen aktuellen Anlaß gibt, der eine Befassung mit den Incels nahelegen würde: DLF, 09.11.2020, 3sat Kulturzeit, 24.11.2020, FrauTV (WDR), 26.11.2020, ZDF heute, 07.12.2020, ZDF heute, 10.12.2020. M.a.W. wird hier versucht, ein Thema zu pushen und klassisches Agenda Setting zu betreiben.

Einleitung

0:50 Sprecher: Zehntausende "Incels", frustrierte junge Männer, die keine Frauen finden und ohne Sex leben müssen, lassen in Internetforen ihrer Verachtung für Frauen freien Lauf.
"Zehntausende" wäre auf die weltweiten Zahlen bezogen korrekt. Für deutsche Verhältnisse, auf die sich die zweite Hälfte des Videos explizit bezieht, ist es um eine ganze Größenordnung zu hoch.
1:51 Sprecher: Viele der Incels sind depressiv, wirken selbstmordgefährdet, ziehen sich in den Foren gegenseitig runter. Aber sie suchen keine Hilfe, sondern projizieren ihren Selbsthaß ungefiltert auf die vermeintliche Ursache ihres Elends: Frauen ...
Daß in den Incel-Foren ein abartiger, Brechreiz erzeugender Frauenhaß kultiviert wird, ist korrekt und gut bekannt. Weggelassen wird in dem Video, daß Männer, insb. bei Frauen erfolgreiche Männer, einen extremen Neidkomplex auslösen und kaum weniger gehaßt werden. Das Video erweckt den falschen Eindruck, nur Frauen seien Ziel des Hasses.

Elliot Rodger

2:14 Sprecher: Held der Szene ist ein Attentäter, der 2014 in Californien gezielt Frauen ermordete: Elliot Rodger
Eine Hauptrolle in der ersten Hälfte des Videos (und in vielen anderen Video zu diesem Thema) spielt Elliot Rodger bzw. dessen Amoklauf von Isla Vista in der Nähe des Campus der University of California, Santa Barbara. Seine Portraitierung ist in wesentlichen Punkten unvollständig oder sachlich falsch.
2:40 Sprecher: Am Tag danach fährt er [Elliot Rodger] zu einem Studentinnen-Wohnheim, tötet insgesamt 6 Menschen, verletzt 13.
Weder hier noch an anderer Stelle wird erwähnt, daß 4 der 6 Getöteten Männer waren. Das Video versucht hier erneut mit einem plumpen Trick den Eindruck zu erwecken, Rodger habe nur Frauen getötet und habe auch genau diese Absicht gehabt. Um diesen Falscheindruck zu erzeugen, wird in dem obigen Zitat der Ablauf so geschildert, als sei Rodger erst zu dem Studentinnen-Wohnheim gefahren und habe danach 6 Menschen getötet - anders kann man den Satz kaum verstehen. Korrekt ist hingegen: Rodger brachte zuerst 3 junge Männer in dem Appartementhaus, in dem der wohnte, um, fuhr nach diesen 3 Morden zu dem Studentinnen-Wohnheim, tötete dort 2 Frauen, fuhr danach weg, schoß auf zufällig anwesende Personen beiden Geschlechts oder überfuhr sie mit dem Wagen und tötete dabei einen weiteren Mann. Eine korrekte, detaillierte Darstellung des Amoklaufs sowie Namen und Geschlecht der Opfer findet man z.B. leicht in der Wikipedia. Den Autorinnen des Videos dürfte der korrekte Ablauf bestens bekannt sein. Daß Rodger hier irreführend als reiner Frauenmörder dargestellt wird, kann man nur als Absicht interpretieren.

Deutsche Rechtsradikale

3:42 Sprecher: Auch der Attentäter von Halle war von einem tiefen Haß auf Frauen getrieben.
Mitten im Video wechselt hier unvermittelt die Bezugsgruppe. Statt bei Incels irgendwo in Nordamerika befinden wir uns auf einmal in Ostdeutschland und bei Herrn Höcke, der mit beschwörender Stimme vor einer bedrohlichen, finsteren Kulisse mit wehenden Deutschlandfahnen Grauenerregendes proklamiert:
04:43 Höcke: Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft.
Höckes Appell scheint größtenteils eine Tautologie, also völlig inhaltsleer zu sein. Man gewinnt jedenfalls keine neuen Erkenntnisse, was Männlichkeit überhaupt ist. Gerade wegen seiner Inhaltsleere ist es aber ein schönes Beispiel für die Theatralisierung der Politik. Die eigenen theatralischen Auftritte machen sich natürlich auch die politischen Gegner gerne zunutze.

Wenn man in dem Höcke-Zitat Mann gegen Frau austauscht, wird es zu einem Leitbild, das man aus politisch korrekten feministischen Schriften gut kennt. Sein eigenes Geschlecht (wieder-) zu entdecken ist aber bei Männern rechtsradikal, denn Männlichkeit ist bekanntlich toxisch. Daran hat uns dankenswerterweise schon der Titel des Videos erinnert. Nur aufgrund dieser Unterstellung - und diese Unterstellung ist hier die eigentliche Botschaft - kann man überhaupt auf die Idee kommen, das Höckes Appell, die eigene Männlichkeit wiederentdecken, als ein Beweisstück für die Gefährlichkeit der ostdeutschen Rechtsradikalen zu präsentieren.

Die Verbindung zwischen Incels und Rechtsradikalen

Die zweite Hälfte des Videos dreht sich weitgehend um die Gefährlichkeit der Rechtsradikalen, die Verbindung zur ersten Hälfte und zu den Incels wird in dem bereits zitieren Satz hergestellt:
3:42 Sprecher: Auch der Attentäter von Halle war von einem tiefen Haß auf Frauen getrieben.
Dieser Satz formuliert nahezu wörtlich eine These, die zentral für die feministischen Argumentationen in diesem Thema sind:

Ein tiefer Haß auf Frauen treibt den die Attentäter in Isla Vista bzw. Halle an. Dieser Haß ist der Hauptgrund für ihr Tun.

Nur wenn man diesen Haß als die dominierende Motivation ansieht, kann man die beiden Attentate als vergleichbar ansehen, obwohl sie sich in allen möglichen Merkmalen unterscheiden. Mit der These vom Frauenhaß als zentraler, handlungsleitender Motivation soll zugleich die These bestätigt werden, daß die Incels i.w. identisch mit Neonazis, Antisemiten usw. sind. Das ist praktisch die Hauptbotschaft des Videos und wichtig für die Skandalisierung und das Agenda Setting.

Das Video präsentiert sogar einige Argumente, die vordergründig für die Ähnlichkeitsthese sprechen: auch die Incels verwenden Nazi-Symbole, beide verherrlichen Gewalt, sind Antifeministen (was auch immer das genau ist) und verachten irgendwie Frauen. Wie unplausibel diese Gleichsetzung und wie oberflächlich die Begründungen sind, findet man mit einem Test leicht selber heraus:

Kann jemand zugleich Incel und Rechtsradikaler sein?

Das ist praktisch undenkbar. Incels sind depressiv und leiden unter einem hochgradigen Minderwertigkeitskomplex, Rechtsradikale halten sich für Übermenschen und leiden an Größenwahn. Incels bringen vor allem sich selber um, Rechtsradikale bringen andere um. Rechtsradikale betrachten zugespitzt formuliert Frauen als Privatbesitz und Gebärmaschinen und praktizieren zum Teil einen Mutterkult (den etliche Frauen gar nicht mal so schlecht finden). Sie passen sehr genau auf ihren Privatbesitz auf, das letzte, was ihnen in den Sinn käme, wäre, den eigenen Privatbesitz oder den ihrer Volksgenossen umzubringen, das wäre Verrat am Volke. Die primäre handlungsleitende Motivation ist bei beiden nicht Frauenhaß, sondern bei Rechtsradikalen Fremdenfeindlichkeit und ein reaktionäres Familien- bzw. Gesellschaftsmodell, bei Incels ein neidgetriebener allgemeiner Haß auf alle Menschen, die in Beziehungen leben. Die beiden Attentäter, die das ttt-Video präsentiert, sind daher als Beleg für sein Incel-Narrativ völlig ungeeignet:

  • Elliot Rodger war von früher Kindheit an psychisch krank, wurde therapeutisch behandelt und war schon vorher polizeilich erfaßt worden. Er war in erster Linie ein gefährlicher Psychopath und Menschhasser, nicht alleine Frauenhasser.
  • Der Attentäter von Halle war in erster Linie Antisemit. Wenn er speziell Frauen gehaßt hätte oder hätte umbringen wollen, hätte er ganz anders gehandelt. Ihn als Incel anzusehen ist eine absurde Spekulation.
Wie oben schon erwähnt hat rund die Hälfte der Incels einen Migrationshintergrund, entspricht also gerade dem Feindbild von Rechtsradikalen. Man kann noch diverse weitere Gegenargumente finden, es sollte aber auch so klar sein, daß das zentrale Argument des ttt-Videos absurd ist, daß Incels und Rechtsradikale primär vom gleichen Frauenhaß angetrieben werden und daher i.w. vergleichbar sind und eine kohärente Bewegung bilden.

Das ttt-Video präsentiert auch keine klaren Indizien, daß Incels als solche tatsächlich Gewaltakte verüben. Die beiden Beispiel-Attentate taugen nicht dazu: Rodger war primär ein für alle gefährlicher Psychopath, der Attentäter von Halle war kein Incel. Verbal Straftaten anzukündigen oder damit zu protzen bedeutet noch lange nicht, es auch zu tun (wie New York Times kürzlich schmerzhaft erfahren mußte oder wie auch ein Blick auf die täglichen Entgleisungen auf Twitter lehrt).

Übrig bleibt von den Argumentationen des ttt-Videos nur noch das freie Assoziieren von Männlichkeit mit Frauenhaß und Gewalt, also i.w. das, was schon der Titel versprach.

Die Expertinnen

Reportagen wie die hier vorliegende dienen immer auch dazu, Personen Publizität zu verschaffen und sie als Experten im öffentlichen Bewußtsein zu verankern. Hierzu werden die Meinungen dieser Personen als "die Wahrheit", also als faktisch korrekte Einschätzungen zu jeweiligen Thema präsentiert (eine Person, deren Image man schaden will, wird man als umstrittene Person oder Meinung bezeichnen oder ihre Aussagen zumindest durch eine Gegenmeinung relativieren). Dieses Video sponsort Anetta Kahane und Veronika Kracher als Experten.

Anetta Kahane, ehemalige Stasi-Mitarbeiterin und Leiterin der Amadeu Antonio Stiftung, dürfte den Lesern bekannt sein. Sie bzw. ihre Stiftung fungiert als die eine Art Religionswächter der feministisch/woken Weltanschauung und ist ideologisch als links bis sehr links einzuordnen, verbunden mit einer entsprechend verzerrten Realitätswahrnehmung.

Die zumindest mir bisher nicht bekannte Veronika Kracher lernt man am besten in Kracher (2020) kennen, einem langen Interview, das sie der Hauszeitschrift "Belltower" der Kahane-Stiftung gegeben hat (was neben dem ttt-Auftritt zeigt, daß sie den Einzug in die deutsche mediale Elite geschafft hat). Das Interview ist zur Gänze lesenswert, ein kurzer Auszug reicht aber aus, um sich ein Bild zu machen:

Belltower-Interviewer: Häufig ist der Hass gegen Frauen stellvertretend für einen Hass gegen sich selbst: Laut einer Umfrage auf "incels.co" bezeichnen sich 67,5 Prozent der User als suizidgefährdet, 85,4 Prozent als depressiv und 74,5 Prozent leiden unter Angststörungen oder Nervosität - nach eigenen Angaben wohlgemerkt. Ist es nicht zu einfach zu behaupten, "Incels" seien nur Frauenhasser, weil sie psychisch krank sind?

Kracher: Das ist eine sehr gute Frage. Frauenhass ist ja etwas gesellschaftlich Konstituierendes. In meinem Buch beziehe ich mich auf den Geschlechterforscher Rolf Pohl, der schreibt, dass die heterosexuelle männliche Betrachtung weiblicher Sexualität immer pathologische Züge hat. Der durchschnittliche Hetero-Mann fühlt sich von weiblicher Sexualität einfach herausgefordert und bedroht. Deswegen muss er sich unter männliche Herrschaft werfen. In patriarchalen Verhältnissen wird dem Mann gesagt, dass er autonom zu sein habe. Dass man eine Frau begehrt, zeigt einem aber, dass man nicht autonom sein kann und Frauen doch braucht. So muss er sich als Folge seiner hegemonial-männlichen Sozialisierung von den eigenen weiblich konnotierten Anteile abspalten. Ingeborg Bachmann schrieb schon in ihrem Buch "Malina" den schönen Satz: Alle Männer sind krank. Alle. Und "Incels" sind keine Ausnahmeerscheinung, sondern die Spitze des patriarchalen Eisbergs.
...
Kracher: Sexuelle Belästigung ist erst seit 2017 strafbar und vor weniger als 30 Jahren war Vergewaltigung in der Ehe noch legal. Und generell haben wir auch ein Problem mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in den Behörden selbst.

Das ist zum Teil haarsträubender, kontrafaktischer Unfug. In der Welt, in der Frau Kracher lebt, ist Frauenhaß etwas gesellschaftlich Konstituierendes, alle Männer sind krank und im Prinzip sind sie sogar Incels, also Massenmörder, sie hatten bloß noch nicht ihr coming-out und warten auf eine Gelegenheit, auch an die Spitze des Eisbergs zu gelangen. Die Realitätswahrnehmung von Frau Kracher ist in einem ähnlichem Ausmaß verzerrt wie bei Incels oder Rechtsradikalen, nur die Richtung der Verzerrung ist anders.

Jemanden mit einer derart absurden Realitätswahrnehmung im ersten Fernsehprogramm als Experten zu präsentieren, ist - diplomatisch formuliert - dazu geeignet, das Vertrauen in unsere Qualitätsmedien weiter zu untergraben.

Fazit zum ttt-Video

  1. Das Incel-Narrativ, das das ttt-Video (zusammen mit anderen ÖRR-Produkten) aufbaut, stellt die Fakten grundlegend falsch dar. Hier wird offensichtlich versucht, Angst zu erzeugen.
  2. Mit hanebüchenen Argumenten wird versucht, den Begriff "toxische Männlichkeit" im öffentlichen Bewußtsein zu verankern und damit Männlichkeit als solche zu diskreditieren. Dies zusammen mit der Angsterzeugung ist typisches Agenda Setting.
  3. Zum Beweis seines Narrativs präsentiert das ttt-Video Personen als Experten, die extrem fragwürdige Standpunkte in der Debatte vertreten und die als öffentlich akzeptierte Experten in diesem Thema aufgebaut werden [sollen], obwohl sie dazu nicht entfernt geeignet erscheinen.

Ergänzung: Einschätzung des Incel-Problems

Wie schon die einleitende demographische Betrachtung gezeigt hat, entsteht das Incel-Problem aufgrund biologischer Geschlechtsunterschiede (unterschiedliche Geburtenhäufigkeiten) und der damit zusammenhängenden weiblichen Hypergamie. In den Worten von Art. 3 GG liegen hier also objektiv "bestehende Nachteile" vor (was die Incels nicht sympathischer macht), über deren Reduzierung man nachdenken könnte. Der klassische feministische Tunnelblick, der im ÖRR der Goldstandard ist, kann dieses demographische Problem nur auf die prinzipielle Charakterlosigkeit von Männern zurückführen, eben die tausendfach wiedergekäute toxische Männlichkeit, ein klassischen Sexismus gegen Männer. Daß die Dämonisierung der Incels das Problem prinzipiell nicht lösen kann, sondern allenfalls verstärkt, liegt außerhalb des feministischen Denkhorizonts.

Im Gegensatz zu den Behauptungen des ttt-Videos wird dem Incel-Problem seit Jahren sehr viel Aufmerksamkeit zuteil. Praktisch bei jedem Massenmord weltweit wird reflexartig eine Verbindung zur Männlichkeit und zu den Incels hergestellt. Es gibt daher zahlreiche Analysen des Problems, darunter ziemlich gute (was natürlich Ermessenssache ist). Für eine der besten halte ich Myers (2018). Ironischerweise ist gerade diese hohe Aufmerksmkeit ein Grund, warum das Incel-Problem einigermaßen unter Kontrolle zu sein scheint.

Selbst im ÖRR kann man bessere Darstellungen finden, wenn auch nicht an prominenter Stelle im ersten Programm. Interessant ist das Video Musial (2020). Sein originärer Beitrag zur Debatte besteht darin, einen Kieferchirurgen zu interviewen (ab 22:40 im Video), der regelmäßig Schönheitsoperationen bei Incels vornimmt. Er hat häufig den Eindruck "Die Natur ist manchmal sehr ungnädig" und widerlegt damit die Unterstellung von Kracher und anderen feministischen Aktivisten, die Frustration und Depression der Incels resultiere aus gesellschaftlich konstituiertem Hass gegen Frauen, hätte also keine objektiven Grundlagen. Das Gegenteil ist der Fall.
Die Autoren dieses Videos haben es sogar geschafft, einen leibhaftigen Incel zu interviewen (ab 27:04). Er hat, wenig überraschend, einen Migrationshintergrund. Die mediale Treibjagd auf Incels ist ihm, wenig überraschend, gut bewußt (28:29 ... das größte Problem ist sowieso dieses Incel-Wort, das hat sowie eine negative Bedeutung). Er wirft zwar in dem Forum mit Mordphantasien um sich, hält sich im realen Leben aber für unfähig, auch nur jemanden auf der Straße anzusprechen (30:38).
Das zweiköpfige Team hat nach eigener Aussage 9 Monate intensiv recherchiert und nach Indizien und Beweisen für die reale Gefährdung durch Incels gesucht, hat aber keine gefunden. Seine Irritation über die fehlenden "Fahndungserfolge" drückt einer der Autoren ab ca. 11:20 so aus:

Machen wir da was zu einem großen Problem, was gar keines ist, oder gibt es einfach ein Riesenproblem, aber keiner weiß davon, keiner redet darüber?
Damit faßt er den Stand der Erkenntnis sehr gut zusammen. Eine solche Selbstreflexion und differenzierte Betrachtung fehlt dem ttt-Video, das reine Skandalisierung betreibt, völlig. Wenn es in den letzten Jahren wirklich relevante Straftaten von Incels in Deutschland gegeben hätte, wären sie sicher in den diversen Videos genannt worden.

Quellen