- Libido
- Messung der Libido
- Die Libido-Differenz bzw. -Asymmetrie
- Konsequenzen aus der Libido-Differenz
- Quellen
Wenn es bei einer rein platonischen Freude an der Schönheit des anderen Geschlechts bleiben würde, wäre dies aber evolutionär gesehen fatal, d.h. die Attraktion sollte zu konkreten Handlungen mit dem Ziel von sexuellem Verkehr (und damit Reproduktion) führen. Unter Libido (Synonyme: sexueller Antrieb, Geschlechtstrieb) versteht man die Intensität von konkreten Handlungen, die auf sexuellen Verkehr abzielen. Anders formuliert ist die Libido die "psychische Energie, die mit den Trieben der Sexualität verknüpft ist". Der englische Ausdruck ist sex drive.
Die sexuelle Attraktion und die Libido entstehen erst im Rahmen der Pubertät, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Heranwachsenden bereits ein Jahrzehnt lang kulturell geformt wurden und weiterhin vielfältigen sozialen Einflüssen und Einschränkungen unterliegen. D.h. der mehr oder weniger starke biologische sexuelle Antrieb kann sich nur sehr eingeschränkt in Handlungen, die auf sexuellen Verkehr abzielen, konkretisieren. Anders gesagt sind die beobachtbaren Handlungen und Verhaltensweisen ggf. so stark durch den sozialen Rahmen, u.a. ob man in einer Partnerschaft lebt oder nicht, eingeschränkt oder verstärkt, daß man nicht mehr zuverlässig auf die Stärke des "normalen" biologischen Antriebs zurückschließen kann. Insb. sind Thesen, der biologische Antrieb sei statistisch vernachlässigbar und eine ausgeprägte Libido sei sozial konstruiert, nicht beweisbar und aufgrund vieler Indizien mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch.
Baumeister (2012) stellt dar, daß das Geschlechterverhältnis sehr erfolgreich analysiert werden kann, indem man es als einen Markt mit Anbietern und Nachfragern von bzw. nach Sex versteht. Die Libido-Differenz führt zu einer extremen Asymmetrie der Machtpositionen in diesem Markt.
Die Libido-Asymmetrie ist nicht über die Lebensphasen hinweg konstant. Sie ist in der Pubertät besonders ausgeprägt und reduziert sich später deutlich.
Wenn man Attraktivität als eine eigene Form von Reichtum betrachtet und auf Basis von Daten über die wahrgenommene Attraktivität zwischen Frauen und Männern den Gini-Koeffizienten G berechnet, dann ist dieser Reichtum in der Gruppe der Männer sehr ungleich verteilt (G je nach Datenbasis ca. 0.5 - 0.6, s. Tuckfield (2019)), während er in der Gruppe der Frauen sehr gleichmäßig verteilt ist (G ca. 0.3).
Hier stellt sich wieder einmal die Frage, ob diese Verhaltendifferenz kulturell oder biologisch bedingt sind. Die uns in vieler Hinsicht sehr ähnlichen Menschenaffen weisen die gleiche Verhaltensdifferenz auf, dies spricht für einen merklichen biologischen Einfluß. Bei Menschenaffen ist Polygamie die Regel, bei unseren steinzeitlichen Vorfahren war dies ebenfalls der Fall, und z.B. im Islam ist auch heute eine limitierte Form von Polygamie (max. 4 Frauen) erlaubt. Es gibt also starke Indizien, daß historisch gesehen Polygamie dominierte und unsere biologischen Dispositionen daran angepaßt sind.
- In sehr vielen Kulturen wird die männliche Sexualität wesentlich stärker als die weibliche dämonisiert, bestraft und durch diverse Maßnahmen eingedämmt (in heterosexuellen Kontexten). Beispielsweise kann ggf. Vergewaltigung oder Exhibitionismus als Straftat definiert sein, die nur Männer begehen können.
- In den meisten Kulturen wird Monogamie vorgeschrieben. Wenn man davon ausgeht, daß in unzivilisierten Gesellschaften Polygamie vorherrschte, dann ist dies eine weitere Form der Einschränkung der Sexualität von Männern, allerdings auch von Frauen, die lieber nur eine von mehreren Frauen eines attraktiven, statushohen Mannes sind als einzige Frau eines unattraktiven Mannes.
- Die vermutlich bekannteste Folge ist Prostitution von Frauen.
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Durch die Libido-Asymmetrie entsteht bei heranwachsenden
Mädchen bzw. Frauen der Eindruck, es sei völlig
selbstverständlich, alleine aufgrund der Tatsache, eine
Frau zu sein, sexuell begehrt zu werden, also von Männern
umworben zu werden. Die Beziehungsanbahnung und das dabei
unvermeidliche Eingehen von Risiken wird daher
üblicherweise einseitig vom Mann erwartet (andernfalls
wird er als Schmerzensmann verspottet).
Aufgrunddessen können Frauen es sich leisten, bei der Beziehungsanbahnung passiv zu bleiben und Risiken zu vermeiden. Männer haben zu umwerben, Frauen wählen aus. Man kann argumentieren, daß sich diese Passivität und Risikoaversion (im Vergleich zu Männern) auf andere Kontexte überträgt und zu einer statistisch signifikanten, grundlegenden Charaktereigenschaft von Frauen wird.
- Umgekehrt werden Jungen trainiert, Ablehnungen einzustecken, ihre Resilienz wird verstärkt. Viele machen die Erfahrung, daß nur, wer Risiken eingeht, Erfolg hat, und wer es nicht tut, keine Freundin hat. Auch hier kann man davon ausgehen, daß dies zu einer Lebenserfahrung verallgemeinert wird.
- Typischerweise wollen alle Menschen einen Partner finden, den sie mindestens so attraktiv wie sich selber einschätzen (s.a. weibliche Hypergamie). Frauen schätzen nur ca. 20 - 30 % aller Männer als annehmbar attraktiv ein. Tendenziell wird daher in einer Gesellschaft mit erzwungener Monogamie nur ein ähnlich geringer Anteil der Frauen einen nach eigener Einschätzung angemessenen Partner finden. Der Rest muß sich mit einem Mann begnügen, den die Frau grundsätzlich als für sie selber unangemessen empfindet. Das notorische Nörgeln von Frauen an ihrer "besseren Hälfte" ist so gesehen kein Zufall.
- Roy F. Baumeister, Kathleen R. Catanese, Kathleen D. Vohs: Is There a Gender Difference in Strength of Sex Drive? Theoretical Views, Conceptual Distinctions, and a Review of Relevant Evidence. Personality and Social Psychology Review 5:3, 01.08.2001. https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1207/S15327957PSPR0503_5
- Roy F. Baumeister, Kathleen D. Vohs: Sexual Economics, Culture, Men, and Modern Sexual Trends. Society 49:6, Dec. 2012, p.520-524, DOI 10.1007/s12115-012-9596-y, 18.10.2012. https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs12115-012-9596-y
- Arne Kahlke / Jochen Wegner (Interview): "Die Ressource 'gebildeter Mann' wird knapp". ZEIT Online, 28.04.2016. https://www.zeit.de/zeit-magazin/2016-04/partnerboerse- ... ansicht
- Richard A. Lippa: Sex Differences in Sex Drive, Sociosexuality, and Height across 53 Nations: Testing Evolutionary and Social Structural Theories. Archives of Sexual Behavior Vol. 38, Issue 5, p.631-651, First Online: 02.11.2007, 02.11.2007. https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-007-9242-8
- NN (worst online dater): Tinder Experiments II: Guys, unless you are really hot you are probably better off not wasting your time on Tinder - a quantitative socio-economic study. https://worst-online-dater.tumblr.com, 25.03.2015. https://worst-online-dater.tumblr.com/post/114619524524 ... you-are
- Christian Rudder: Your Looks and Your Inbox. OkCupid, 17.11.2009. https://blog.okcupid.com/index.php/your-looks-and-online-dating/
- Richard Sine: Sex Drive: How Do Men and Women Compare? WebMD, 22.08.2013. https://www.webmd.com/sex/features/sex-drive-how-do-men-women-compare
- Bradford Tuckfield: Attraction Inequality and the Dating Economy. Quillette, 12.03.2019. https://quillette.com/2019/03/12/attraction-inequality-and-the-dating-economy/