Grundlegend ist Lippmanns Beobachtung, daß die meisten Fakten, die für die politische Meinungsbildung einer Person relevant sind, nicht auf eigenen, persönlichen Erfahrungen beruhen, sondern zwangsläufig aus einer "sekundär erfahrenen Wirklichkeit" stammen, die er als Pseudoumwelt bezeichnet. Diese entsteht i.w. durch mediale Berichterstattung, ist also sehr anfällig für Verfälschungen. Sie führt zugleich zu einer politischen Passivierung, da der Medienkonsument keinen direkten Kontakt mehr mit den Objekten der Berichtstattung hat, z.B. Opfern von Naturkatastrophen.
Dies führt zu sehr grundsätzlichen Fragen, wie Demokratie überhaupt funktionieren kann und ob nicht das Konzept des mündigen Bürgers ein unerreichbares Ideal ist. Weil der einzelne Bürger von der Komplexität der wichtigen Sachfragen heillos überfordert ist, plädiert Lippmann dafür, die wirklichen Entscheidungen Experten, die im Hintergrund agieren, zu überlassen. Die Medien bekommen die Aufgabe, diese Entscheidungen als "öffentliche Meinung" zu verbreiten.
Besonders erschreckend dabei ist, daß die Kenntnis dieser Beeinflussung - die unterschwellig meistens vorhanden ist - nicht vor ihr schützt. Wenn man konsequent wäre, dürfte man eigentlich nichts mehr glauben, was einem die Medien als (sekundär zu erfahrende) Wirklichkeit servieren. Dann wäre man aber praktisch allen Themen unfähig, an den Debatten teilzunehmen, man wäre ein diskursiver Einsiedler. Diese soziale Selbstisolierung und die Selbstdarstellung als politisch inkompetent wird man unterbewußt scharf ablehnen. Die kognitive Dissonanz wird dazu führen, das Wissen von der Beeinflussung zu verdrängen.
Materialien:
- [ca. 45 Minuten Lesezeit] Der Essay von
Graupe und Ötsch
stellt die Kerngedanken von Lippmanns "Die öffentliche
Meinung" ausführlich und sehr gut nachvollziehbar dar. Die
Autoren beklagen zu Recht das viel zu geringe Bewußtsein der
Öffentlichkeit, wie sehr sie medial beeinflußt wird, und den
fehlenden Willen, Einfluß auf diese Beeinflussung zu nehmen
und sie aktiv zu gestalten.
Eine kompaktere, aber dennoch sehr gute Zusammenfassung von Lippmanns "Die öffentliche Meinung" bietet Schreyer (2018) (~11 Minuten Lesezeit).
Aufgabe: Denken Sie darüber nach, bei welchen Themen Sie selber in einer Pseudoumwelt leben, also welche Ihrer Grundüberzeugungen auf Informationen aus dritter Hand beruhen, bei welchen Themen Sie glauben, daß Sie es sofort bemerken würden, wenn Nachrichten falsch oder unausgewogen sind, und was Sie selber gegen die Apathie der Öffentlichkeit tun können.
- [44 Minuten Video] Lippmann postuliert ein
grundsätzlich negatives Bild von der Mündigkeit und
Politikfähigkeit normaler Menschen. Dabei macht er
allerdings einige Annahmen, die (für einen Demokraten)
moralisch fragwürdig sind, ferner sind sie empirisch
widerlegt. Mausfeld
(2018) vergleicht hierzu das Mündigkeits- und
Demokratieverständnis von Lippmann und dem John Dewey,
einem zum Pragmatismus gehörigen Philosophen.
Dewey kontert Lippmanns Argument, das gemeine Volk sei
politikunfähig, mit dem Hinweis, dieser Vorwurf sei
gegenstandslos, solange wesentliche Informationen nur den
Eliten zugänglich sind und der Öffentlichkeit vorenthalten
werden. Die Überforderung des Einzelnen sei ebenfalls der
falsche Blickwinkel, denn die Öffentlichkeit arbeite
arbeitsteilig und sei als Kollektiv genauso oder sogar
besser politikfähig als die Eliten. Entscheidende
Voraussetzung hierfür sei ein unbeschädigter Debattenraum
und der Zugang zu allen relevanten Informationen.
Aufgabe: Denken Sie darüber nach, ob es im Zeitalter der hochgerüsteten Lobby-Gruppen so etwas wie einen unbeschädigter Debattenraum geben kann und was ggf. zu tun ist, um ihn zu schützen.
- [12 Minuten Lesezeit] Wer immer noch nicht genug hat, kann noch ein interessantes Interview mit Walter Ötsch lesen. Ötsch hat zusammen mit Silja Graupe eine deutsche Übersetzung von "Public opinion", ergänzt durch ein ausführliches Vorwort, vorgelegt.
Quellen
- Silja Graupe, Walter Ötsch: Die Elitokratie. rubikon, 28.07.2018. https://www.rubikon.news/artikel/die-elitokratie
-
Walter Lippmann: Public opinion. Harcourt, Brace & Co., 1922.
Das Buch ist sehr gut aufbereitet hier als Volltext verfügbar: https://en.wikisource.org/wiki/Public_Opinion
- Walter Lippmann / Walter Otto Ötsch, Silja Graupe (Übersetzer und Vorwort): Die öffentliche Meinung - Wie sie entsteht und manipuliert wird. Westend Verlag, 01.08.2018. https://www.westendverlag.de/buch/die-oeffentliche-meinung/
- Rainer Mausfeld: Elitendemokratie und Meinungsmanagement - Hat sich die Vorstellung vom "mündigen Bürger" überlebt? SWR Tele-Akademie, Sendedatum 02.12.2018, 43:37, 02.12.2018. https://www.tele-akademie.de/begleit/video_ta181202.php
- Walter Ötsch / Marcus Klöckner (Interview): "Lippmann wusste, dass Worte und Sprachbilder soziale Realitäten gestalten". nachdenkseiten.de, 01.08.2018. https://www.nachdenkseiten.de/?p=45252
- Paul Schreyer: Die Angst der Eliten - Wer fürchtet die Demokratie? Westend Verlag, 03.04.2018. https://www.westendverlag.de/buch/die-angst-der-eliten
- Paul Schreyer: Die Macht der Symbole. Rubikon, 31.07.2018. https://www.rubikon.news/artikel/die-macht-der-symbole