- empfindlich, mimosenhaft, Ansprüche an das Verhalten anderer stellend, bis zur Extremform "Schneeflocke"
- empathisch, für andere mitdenkend, Rücksicht nehmend, keine Ansprüche stellend, sondern Ansprüche anderer erfüllend (freiwillig oder unfreiwillig)
Nicht hilfreich war, daß Flaßpöhler - fast schon unvermeidlich - Frauen und Transsexuelle als "marginalisierte" Minderheiten erwähnte, denen gegenüber Sensibilität besonders angebracht sei. Ausgerechnet diese Gruppen sind berüchtigt dafür, ihren Anspruch auf Rücksichtnahme auf ihre Befindlichkeiten knallhart durchzusetzen und sehr erfahren in Hetzkampagnen und im Canceln zu sein. Beispiele sind unzählige mißliebige Personen, die im Rahmen der MeToo-Kampagne gecancelt wurden, oder die Welle an Haß, die auf JK Rowling hernieder ging, weil sie es wagte, Orthodoxien der Trans-Aktivisten anzuzweifeln. Nicht zu reden davon, daß diese "marginalisierten" Gruppen eine praktisch hegemoniale Machtposition in den Redaktionen fast aller großen Medien und vieler großer Unternehmen haben und von oben her durchregieren können. Vor allem die Transsexuellen-Lobby, die die Interessen einer mikroskopisch kleinen Minderheit vertritt, liefert ein Musterbeispiel für das Phänomen "Diktatur der Minderheiten". Das Paradox der mächtigen Schutzbedürftigen blieb leider unaufgelöst.
Man kann sich fragen, worin sich die in letzter Zeit gehypte Sensibilität eigentlich von der Wokeness unterscheidet. Antwort: kaum. Woke ist nebulös bzw. schlecht verständlich und bekommt zunehmend Gegenwind. Sensibel ist positiver konnotiert und hat sich auch schon als Kampfbegriff "gender-sensibel" bewährt. Sensibel hat gute Chancen, das neue woke zu werden.
Verwundbar ist aber praktisch jeder, wie man in den feministischen bzw. transaktivistischen Shitstorms gelernt hat. D.h. der Begriff ist wörtlich genommen und ohne nähere Bestimmung unbrauchbar für die Unterscheidung bestimmter Klassen von Debattenteilnehmern. Sinn bekommt er erst dadurch, daß er einer identitären Gruppe in den meinungsbildenden Medien zugeschrieben wird. Man muß sozusagen als schützenswerte Spezies bei der medialen Elite akkreditiert werden, um den Status "vulnerabel" zu erhalten.
Die Verwendung von "vulnerabel" hat aus Sicht seiner Benutzer den Vorteil, daß man nicht so oft "marginalisiert" sagen muß. Es ist aber die gleiche Täuschung.
Kann das weg? Ja.
Wenn man nun die Argumentationsstrukturen der Privilegientheorie und der "neuen Sensibilität / Vulnerabilität" vergleicht, dann - Überraschung - sind beide in ihren Grundzügen gleich, weisen die gleichen Probleme und Paradoxien auf und laufen auf undemokratische Strukturen hinaus. Im Kern steht jeweils eine mediale bzw. politische Elite (um nicht zu sagen ein neuer Adel), der bestimmt, wer als besonders schutzwürdig anerkannt wird und wer sich wegen seiner unverdienten "Privilegien" zurückhalten soll.
Damit wird nicht nur Ungleichheit unter den Debattenteilnehmern geschaffen, zugleich werden auch auf der Sachebene die Themen der Schutzwürdigen priorisiert. Die Priorisierung von Themen ist aber eine zentrale demokratische Aufgabe.
- Intoleranz, offene Debattenkultur und Cancel Culture. Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, 03.12.2020. https://www.youtube.com/watch?v=hrrZ606TNKY
- Wolfgang Kubicki: Meinungsunfreiheit - Das gefährliche Spiel mit der Demokratie. Westend, 05.10.2020. https://www.westendverlag.de/buch/meinungsunfreiheit/
- die diskussion: Polarisiert und unversöhnt: Wie gespalten ist unsere Gesellschaft? Phoenix, 12.12.2020. https://www.youtube.com/watch?v=AESODYihHLc
- Andreas Reckwitz: Dialektik der Sensibilität. Philosophie Magazin Nr. 48 - Okt./Nov. 2019, 20.06.2019. https://www.philomag.de/artikel/dialektik-der-sensibilitaet
- Kolja Zydatiss: Ausgestoßener der Woche: Gunnar Kaiser. Achse des Guten, 18.12.2020. https://www.achgut.com/artikel/ausgestossener_der_woche_gunnar_kaiser