Kampfbegriff "Gender"

Inhaltsübersicht

Kurzfassung

Einführung und Motivation

Übersicht über die Hauptbegriffe

Biologische Geschlechtsbegriffe im Detail

Psychologische Geschlechtsbegriffe

Soziologische Geschlechtsbegriffe

Weitere Kampfbegriffe

Kurzfassung

Kurzfassung

Die Rolle und Wichtigkeit des Begriffs "Gender"

Der Begriff "Gender" ist einer der wichtigsten und zugleich unklarsten Begriffe in der Geschlechterdebatte. Er ist Bestandteil weiterer zentraler Begriffe wie "Gender Studies", "Gender Mainstreaming", Genderismus, Gender-Theorie, Gender-Stern u.a. Er wird in den verschiedenen Kontexten mit völlig verschiedenen Bedeutungen benutzt. Die Abgrenzung zum Begriff "Geschlecht" ist meistens unklar.

Obwohl also kein Konsens herrscht, was "Gender" überhaupt ist, ist es ein zentrales Dogma der feministischen Ideologie und der Gender Studies, daß "Gender" bzw. "Geschlecht" sozial, also willkürlich (um nicht zu sagen böswillig) konstruiert ist und auch anders als aktuell vorhanden konstruiert sein könnte, natürlich gemäß feministischen Wunschvorstellungen.

Die Annahme, daß Geschlechter und deren Unterschiede willkürlich sozial konstruiert sind, ist keine reine Gelehrtendebatte ganz oben im Elfenbeinturm, sondern von eminenter machtpolitischer Bedeutung. Sie ist nämlich eine entscheidende Voraussetzung für die Schlußfolgerung, die vorhandenen Verhältnisse seien vermeidbare und ungerechte Diskriminierungen von Frauen und beliebig änderbar, und hieraus weiter zu folgern, man müsse dieses Unrecht mit (grundgesetzwidrigen) Diskriminierungen von Männern kompensieren, z.B. Frauenquoten, und diverse soziale Verhaltensvorschriften aufstellen. Es muß als politische Meisterleistung anerkannt werden, die These von der sozialen Konstruktion von Geschlecht zum politischen Allgemeingut gemacht zu haben, obwohl keine klare Definition und keine konsistente Theorie des Begriffs "Gender" (und indirekt "Geschlecht") vorliegt und die oben genannten Schlußfolgerungen unhaltbar und vielfach widerlegt worden sind.

Ursachen des Begriffschaos und der Theoriedefizite

Das Begriffschaos und das Fehlen einer konsistenten Theorie des Begriffs "Gender" (im Sinne von psychologischem oder sozialen Geschlecht) gibt es eine ganze Reihe von Ursachen.

Die wichtigste Ursache dürfte sein, daß man in verschiedenen Anwendungskontexten jeweils eigene Geschlechtsbegriffe benötigt, um Personen zu klassifizieren, daß aber trotzdem versucht wird, allen Anwendungskontexten einen einzigen, ideologisch geprägten Geschlechtsbegriff aufzuzwingen.

Ebenfalls sehr wichtig ist die Rolle als Kampfbegriff.

Grundzüge des Begriffsrahmens

Diese Seite enthält Definitionen der für die Geschlechterdebatte zentralen Begriffe Geschlecht, Gender, Sex, sexuelle Attraktion, Geschlechtsrolle, Geschlechterstereotyp u.a. Dieser Begriffsrahmen versteht sich als Gegenentwurf zum üblichen Begriffschaos in diesem Bereich, das eine inhaltliche Debatte erschwert oder - speziell für Anfänger - unmöglich macht. Das Begriffschaos wird regelmäßig als Vernebelungstaktik in der Geschlechterdebatte eingesetzt, weil es parteipolitisch bzw. ideologisch motivierte Propaganda und bewußte Täuschungen ermöglicht. Einleitend wird das vorhandene Begriffschaos anhand diverser Beispiele erläutert, um die Widersprüche und Ungereimtheiten in den Debatten bewußt zu machen.

Geschlechtsbegriffe werden in unterschiedlichen Kontexten benötigt und benutzt, haben dort aber - trotz gleicher Bezeichnung - eine teilweise fundamental andere Bedeutung. Einige Bedeutungen korrelieren zwar mehr oder weniger stark, die übliche simplifizierende Gleichsetzung führt aber sofort zu Mißverständnissen und Argumentationsfehlern. Es ist daher extrem wichtig, die folgenden Themenbereiche und Kontexte zu unterscheiden:

  1. die Beschreibung und empirische Analysevon Geschlechtsmerkmalen von Menschen. Geschlechtsmerkmale sind Merkmale, bei denen sich Männer und Frauen (und ggf. weitere "Geschlechter") empirisch nachweisbar statistisch unterscheiden. Unterschiede treten auf bei (a1) biologischen, (a2) psychologischen bzw. (a3) sozialen Merkmalen von Menschen.
  2. "juristische" bzw. "normative" Strukturen bzw. soziale Wirkmechanismen in Gesellschaften, die auf Basis einer Kategorisierung von Personen ein geschlechtsspezifisches Verhalten nahelegen oder sogar rechtlich vorschreiben.
Die Geschlechterdebatte dreht sich meistens um psychologische und/oder soziale Unterschiede. Man muß ferner strikt unterscheiden zwischen
  • reinen Beobachtungen bzw. statistischen Beschreibungen der Realität (typisch für Kontextbereich a) und
  • vermuteten Ursachen für die beobachteten Phänomene und deren Bewertung (typisch für Kontextbereich b).
Es gibt normative Strukturen - z.B. das Rechtsfahrgebot und das zugehörige Strafrecht in Deutschland -, die bestimmte empirische Beobachtungen verursachen - z.B. daß fast alle Fahrzeuge rechts fahren. Solche eindeutigen Wirkmechanismen bzw. Rückführungen von Beobachtungen auf Ursachen sind bei Geschlechterfragen sehr selten.

Fast alle Theorien über geschlechtsbezogene soziale Wirkmechanismen - darunter die meisten feministischen - sind hochgradig spekulativ oder falsch. Dies wird regelmäßig durch Gleichsetzung von Begriffen kaschiert.

Lernziele dieser Seite

Diskurstechnisch gesehen führt dies zu folgenden Erkenntnissen:
  1. Sehr allgemein gehaltene Begriffe wie "Geschlecht", "Gender" oder "sexuelle Identität" sind durchweg unbrauchbar in Debatten. Brauchbar sind nur Konkretisierungen dieser Begriffe wie z.B. "reproduktives Geschlecht".
  2. Der für die Geschlechterdebatte zentrale Begriff "Gender" ist besonders unklar und wird parallel in mehreren widersprüchlichen Bedeutungen benutzt, vor allem in den Kontexten (a3) und (b). Diese Ambiguität wird oft gezielt für Begriffsverschiebungen, also für rhetorische Täuschungen, benutzt.
  3. "Gender" wird sehr häufig analog zum empirischen Begriff "biologisches Geschlecht" als empirischer Begriff "soziales Geschlecht" (im Kontext a3) definiert. Diese Begriffsdefinition sieht plausibel aus, scheitert allerdings an der nicht beherrschbaren Zahl möglicher Geschlechtskategorien und ist nicht tragfähig.
  4. "Gender" wird ebenfalls häufig als Synonym zu "Geschlechtsrolle" definiert. Dabei bleibt unklar, was "Geschlechtsrolle" genau bedeutet und ob "Geschlechtsrolle" hier deskriptiv oder normativ verstanden wird. In der normativen Bedeutung ist Geschlechtsrolle sozusagen ein trojanisches Pferd, durch das man implizit hochumstrittene sozialkonstruktivistische Theorien als korrekt anerkennt. Ziel des Begriffs ist vor allem die propagandistisch Verbreitung der radikalfeministischer Dogmen, die die Basis dieser Theorien bilden.
  5. In Wortverbindungen wie "anti-gender" oder "Gender Mainstreaming" ist mit "Gender" die feministische Gender-Ideologie gemeint. Diese Begriffsverschiebung soll einen Fehlschluß provozieren: Weil man nicht bestreiten kann, daß Menschen ein Geschlecht haben, darf man auch die Gender-Ideologie nicht bestreiten, obwohl sie auf einen totalitären, antiliberalen feministischen Überwachungsstaat hinausläuft.
  6. Analog zu "Gender" wird auch der eigentlich deskriptive Begriff "Geschlechtsstereotyp" ebenfalls häufig als normativ umgedeutet und verbunden mit unhaltbaren Pauschalisierungen hinsichtlich der Wirkung von Geschlechtsstereotypen.

Unscharfe, "nicht-binäre" Begriffe

Sehr viele der hier erklärten Begriffe bzw. Merkmale sind unscharf bzw. "nicht-binär". Das bedeutet, daß sie mehr oder weniger zutreffend sein können. Unscharfe Begriffe sind völlig normal und alltäglich. Beispiele sind die Begriffe "schön" oder "freundlich" angewandt auf das Wetter oder einen Menschen.

Bei unscharfen Begriffen wird deren Zutreffen bei einer Person fälschlicherweise oft als beliebig, irrelevant oder sozial konstruiert angesehen. Dieser Denkfehler wird oft als rhetorischer Trick eingesetzt, auf den man sehr leicht hereinfällt. Wer die sogenannte "fuzzy logic" noch nicht kennt, sollte vor der Lektüre des Hauptteils dieser Seite eine kurze Einführung in die Theorie unscharfer Begriffe (fuzzy logic) lesen. Viele Probleme und Konfusionen um den Begriff Gender lassen sich damit vermeiden.


Einführung und Motivation

Motivation: das Begriffs-Chaos um den Begriff "Gender"

Das Begriffs-Chaos

Man sollte ja eigentlich meinen, daß Begriffe wie Geschlecht und Gender hinreichend klar sein sollten, nachdem sie seit Jahrzehnten milliardenfach benutzt werden (Google findet übrigens "Ungefähr 1.190.000.000 Ergebnisse" bei der Suche nach "Gender"). So klar sind die Begriffe aber leider nicht, schon gar nicht für Anfänger, für die diese Seiten gedacht sind.

Ist "Gender" überhaupt ein Substantiv und hat "Gender" ein grammatisches Geschlecht (Gender) oder kommt das nur als Vorsilbe vor? Kennen Sie Ihr "Gender"? Sind Sie schon mal danach gefragt worden? Welche konkreten Ausprägungen von "Gender" kennen Sie bzw. wurden in Publikationen oder Diskussionen erwähnt? Was bedeutet eigentlich "genderfluid", und kann man auch "agender" sein?

Cat: I am agender. Ask me anything you like. Dog: We all are a gender. Cat: This is disgusting! Typical entitled cis white dog behavior.
Copyright © Martin Domig

Die Begriffskonfusion führt ständig zu vielen sinn- und ergebnislosen Diskussionen in allen möglichen sozialen Medien oder auch im realen Leben: die Diskussionsteilnehmer haben unterschiedliche und oft gar keine klaren Definitionen dieser Begriffe - trotz deren Bekanntheit - und reden aneinander vorbei, ohne es zu merken.

Nun sind dies meistens Amateure und man sollte denken, bei den "Profis" sei es besser. Man steht aber vor dem überraschenden Befund, auch dort verschiedene, sich widersprechende Definitionen vorzufinden. "Gender" wird oft informell definiert als das "soziale Geschlecht" oder die "Geschlechtsrolle" (was immer das bedeuten mag) als Gegensatz zum biologischen Geschlecht. Die deutsche Wikipedia definiert damit konsistent Gender (Version von Ende 2015; die Einträge werden von einer feministischen Autorengruppe immer wieder geändert, ein weiterer Beleg für die These von der Unklarkeit des Begriffs) wie folgt:

Der Begriff Gender bezeichnet das durch Gesellschaft und Kultur geprägte soziale Geschlecht einer Person neben ihrem biologischen Geschlecht (engl. "sex"). Gender als das soziale Geschlecht ist ein historisch-gesellschaftlich gewordenes, damit variabel und veränderbar.
Es fällt auf den ersten Blick nicht auf, aber das ist keine Definition, sondern eine inhaltsleere Ausrede. Analog dazu würde man einen Dieselmotor definieren als ein Antriebsaggregat, das irgendwann erfunden und seitdem oft verändert wurde und das anders als ein Benzin-Motor ist. Derartige Definitionen sind optische Täuschungen. Es wird nichts definiert, sondern in diesem Fall wird "Gender" i.w. als Synonym für "soziales Geschlecht" (oder "Geschlechtsrolle"), eingeführt, beides unklare, beliebig interpretierbare Begriffe. Man erfährt nur, was Gender nicht ist (das biologische Geschlecht), daß sich der Begriff über die Zeit verändert hat (uns interessiert aber, was der Begriff hier und heute bedeutet) und daß er irgendwie variabel ist (als Ausprägung bei einer Person? Oder als Begriffsskala?). Die Englische Wikipedia definiert Gender (Version von Ende 2015) völlig anders:
Gender is the range of characteristics pertaining to, and differentiating between, masculinity and femininity. Depending on the context, these characteristics may include biological sex (i.e. the state of being male, female or intersex), sex-based social structures (including gender roles and other social roles), or gender identity.
("Gender" ist die Menge der charakteristischen Merkmale, die zur Männlichkeit bzw. Weiblichkeit gehören und diese unterscheiden. Je nach Kontext können diese Merkmale das biologische Geschlecht (also den Zustand, männlich, weiblich oder intersexuell zu sein), auf dem biologischen Geschlecht basierende soziale Strukturen (insb. Geschlechtsrollen und andere soziale Rollen) oder die Geschlechtsidentität enthalten.)
Überraschung: Gender enthält also doch teilweise biologische Aspekte? Und auch hier Indizien für eine Luftnummer: was bedeuten die Hilfsbegriffe "masculinity" bzw. "femininity"? Muß man für diese Definition schon vorher wissen, was das männliche bzw. weibliche Geschlecht ist? Und was sind "... charakteristische Merkmale von Personen, die zur Maskulinität bzw. Femininität gehören"? Welche Merkmale? Wer entscheidet über die Auswahl? Und welche Gender gibt denn nun konkret?

Man findet noch diverse weitere Definitionsvarianten, u.a. in Lehrbüchern für die Gender Studies. (Die längerfristige historische Entwicklung des Begriffs wird in Bielert (2017) dargestellt.) Unklar bleibt fast immer, wie sich diese Definitionen inhaltlich unterscheiden. Dies liegt vor allem daran, daß die in den Definitionen benutzten Begriffe selber oft nicht genau definiert sind. Der Eindruck eines begrifflichen Chaos wird bestätigt von diversen "professionellen" Quellen, die immer wieder modifiziert wurden oder sich selber "renovierungsbedürftig" bezeichnen (z.B. Queer Lexikon: Sexuelle Orientierung, dt. Wikipedia: Sexuelle Identität, engl. Wikipedia: Gender Identity).

Festhalten kann man also für Anfänger: Sowohl bei den Amateuren wie den Profis liegt ein Begriffs-Chaos vor und jede ernsthafte Diskussion über diese Themen, die ein bißchen in die Tiefe gehen soll, scheitert sehr wahrscheinlich an diesem Begriffs-Chaos.

Ursachen für das Begriffs-Chaos

Es gibt mehrere Ursachen für das Begriffs-Chaos.

Ein erster offensichtlicher Grund: das Thema ist tatsächlich schwierig und eine Herausforderung. Die Menge der Phänomene und Probleme, die irgendwie relevant für diese Begriffe ist, ufert sehr schnell aus und man ist schnell überfordert. Dadurch werden Fehler wahrscheinlich, entweder weil man prinzipiell überfordert oder nur schlampig ist.

Der inhaltlich wichtigste Grund liegt vermutlich darain, daß folgendes nicht ausreichend berücksichtigt wird:

Geschlechtsbegriffe dienen dazu, in bestimmten Anwendungskontexten Personen anhand ihrer sexualitätsbezogenen Eigenschaften in Geschlechter (Geschlechtskategorien) einteilen und abhängig vom Geschlecht unterschiedlich behandeln zu können.
Weiter unten folgen Beispiele für unterschiedliche Anwendungskontexte, in denen Geschlechter unterschieden werden müssen und die zwangsläufig zu verschiedenen Begriffen führen. Der Versuch, alle Kontexte über einen Kamm zu scheren, führt direkt in das Begriffs-Chaos.

Naheliegend ist auch, das Begriffs-Chaos als Folge der Unwissenschaftlichkeit feministischer Gender Studies anzusehen. Dieser Verdacht wird sich im weiteren Verlauf als richtig herausstellen, aber anders als man denkt.

Eine wirkliche Hauptursache liegt hingegen darin, daß der Begriff "Gender" (und tw. "Geschlecht") als politischer Kampfbegriff benutzt wird, indem die Technik der Begriffsverschiebung intensiv benutzt wird, um Debattengegner zu verwirren und zu übertölpeln. Mehr dazu im folgenden Abschnitt.

Bei diesen Kämpfen spielt eine große Rolle, daß man die privaten Gefühle und ideologischen Weltsichten einer Vielzahl von feministischen Aktivisten und neuerdings Transsexuellen-Aktivisten integrieren muß. Eine Ideologie liefert aber keineswegs automatisch eine konsistente Theorie und Begriffsbildung. Diese Aktivisten kämpfen ferner oft mit massiven psychischen Problemen, sie führen, obwohl dazu nicht geschult, psychologische Selbstanalysen durch und kommen so zu allen möglichen Erklärungsmustern für ihre Probleme. Diese Erklärungsmuster sind in der Gesamtheit heterogen bzw. inkompatibel und vielfach unwissenschaftlich. Die berühmten 60+ Geschlechter bei Facebook sind eine Folge davon. Da die feministischen bzw. Transsexuellen-Aktivisten einen hohen Opferstatus haben, dürfen ihre Meinungen aber nicht hinterfragt werden, zumindest nicht in feministischen Kreisen bzw. den feministischen Gender Studies.



Themenbezogenes Glossar

Man kann das Begriffs-Chaos kritisieren, das hilft einem aber nicht weiter, wenn man sich ernsthaft mit den Themen befassen will, denn dann braucht man einen konsistenten Satz von Begriffen. Ein Hauptzweck dieses Textes ist daher, einen konsistenter Satz von klar definierten Begriffen zu liefern, also ein eigenes Glossar.

Wegen der Komplexität des Themas muß man den Anspruch an die Begriffswelt auf etwas Machbares herunterstutzen, also u.a. weniger wichtige Randbegriffe weglassen. Dazu gehört auch, sich die Zwecke der Begriffe explizit klar zu machen. Die Zwecke dieses Glossars und die dabei angenommenen Randbedingungen kann man wie folgt zusammenfassen:

  • Konzentration auf die grundlegende Begriffe Geschlecht, Gender und Sex und die wichtigsten dabei benutzten Hilfsbegriffe
  • präzise Begriffsdefinitionen (präziser als die oben beklagten unscharfen Begriffe)
  • Eignung, die versteckt stattfindenden Begriffskriege ans Licht zu bringen, d.h. Gemeinsamkeiten, Unterschiede, versteckte Aussagen und Widersprüche vorhandener Begriffsdefinitionen und Debatten zu verstehen
  • handwerklich saubere Benutzung von Metabegriffen.
Nicht Absicht dieses Textes ist, ein Lehrbuch über Genetik, Persönlichkeitspsychologie o.ä. zu schreiben.

Zu den Metabegriffen: In den Begriffsdefinitionen werden wiederum Begriffe wie "Merkmal" oder "unscharfes" Merkmal benutzt. Diese Begriffe zur Definition von Begriffen ("Metabegriffe") sind hinten in einem separaten Abschnitt rekapituliert. Ein Abschnitt führt die relativ bekannten Grundbegriffe Merkmal, Merkmalsausprägung, Nominalskala usw. (die aus der deskriptiven Statistik stammen) ein. Diese Begriffswelt stößt allerdings an Grenzen, wenn Merkmale nicht binär sind. Als Ergänzung benutzen wir daher weitere Begriffe aus der Denkwelt der weniger gut bekannten Fuzzy Logik, daraus vor allem den Begriff "linguistischer Term"; wer diesen Begriff nicht kennt, sollte unbedingt zunächst diese kurze Einführung lesen.

Quellen



Kampfbegriff "Gender"

Das definitorische Chaos um den Begriff Gender ist kein Zufall, sondern direkte Folge davon, daß es sich um einen politischen Kampfbegriff handelt. Dieser Begriff war und ist ein wesentliches Werkzeug in den Machtkämpfen, in denen der Feminismus (und in letzter Zeit der Transaktivismus) seine heutige umfassende Machtposition erreichen konnte. Indem man Begriffe umdefiniert, kann man insb. politische Problemwahrnehmungen und die öffentliche Meinung verändern, was wiederum zu Machtverschiebungen und eigenen materiellen Vorteilen führt. Gender ist in zweierlei Hinsicht ein Kampfbegriff:
  • Weil er unscharf definiert ist, kann man in Debatten mit Begriffsverschiebungen taktieren, d.h. man verändert in einer Argumentationskette unmerklich die Bedeutung des Begriffs "Gender". Die Unschärfe der Definition wird in Debatten als klassische feministisches Doublespeak-Technik (Ambiguität) eingesetzt, Beispiele s.u.
  • Die konkurrierenden Begriffsdefinitionen gehen auf unterschiedliche Denkschulen innerhalb des feministischen Ideologienspektrums zurück. Die beiden obigen Wikipedia-Definitionen sind ein Beispiel hierfür. Hierzu mache man sich klar, daß viele politisierte Begriffe implizit soziologische Theorien aufstellen, die in politischen Machtkämpfen als Munition benutzt werden. Ein Beispiel ist der Begriff "Patriarchat", der implizit die These aufstellt, daß sich "die Männer" gemeinsam und koordiniert gegen "die Frauen" agieren, Frauen also immer ein Opfer sind ("Opferabo"). Benutzt man einen solchen Begriff, bestätigt man implizit die darin unterstellten soziologischen Theorien bzw. Dogmen als zutreffend.
Das Arbeiten mit Begriffsverschiebungen hat teilweise krasse Formen:
  • "Gender" wird überwiegend als "das soziale Geschlecht" einer Person definiert, also begrifflich als eine Eigenschaft einzelner Personen, die sich auf deren soziales Verhalten bezieht und für die es mehrere Ausprägungen gibt.
  • In Wortverbindungen wie "Gender Mainstreaming", "Gender-Medizin", "Gendergerechtigkeit" (vgl. Kampfbegriff "Geschlechtergerechtigkeit") u.a. bedeutet "Gender" stattdessen faktisch das biologische Geschlecht von Personen, das Sozialverhalten spielt hier keine Rolle.
  • In Wortverbindungen wie "pro-gender", "anti-gender" (ca. 93.300 Ergebnisse bei Google), "Anti-Genderismus", "Gender-Sensibilität" u.a. steht Gender für die feministische Ideologie oder unklar bleibende politische Einstellungen. Die Begriffsverschiebung ist bei "anti-gender" besonders plump und dreist: Menschen weisen offensichtlich die Eigenschaft "Geschlecht" auf. Insofern ist es absurd, gegen das Vorhandensein dieser Eigenschaft zu sein. Durch die Begriffsverschiebung von einer Eigenschaft zu einer Ideologie wird suggeriert, daß es absurd ist, gegen die feministische Ideologie zu sein. Ein analoger Begriff ist "Anti-Körpergewicht", dessen Unsinnigkeit offensichtlich ist.
Während die vorstehenden krassen Begriffsverschiebungen offensichtlich sind, sind andere Begriffsverschiebungen - vor allem im Kontext der Frage, ob Gender eine variable Eigenschaft einer Person und sozial konstruiert ist - weitaus subtiler und besser versteckt. Sie können erst später erklärt werden.


Der Sinn und Anwendungskontext von Geschlechtsbegriffen

Menschen unterscheiden sich in ihren sexualitätsbezogenen Eigenschaften. Diese Unterschiede machen in bestimmten Problembereichen bzw. Kontexten eine unterschiedliche Behandlung erforderlich oder sinnvoll. Geschlechtsbegriffe dienen dazu, Personen anhand ihrer sexualitätsbezogenen Eigenschaften in Geschlechter (Geschlechtskategorien) einteilen und abhängig vom Geschlecht unterschiedlich behandeln zu können. Geschlechtsbegriffe sind implizit immer auf einen Problembereich (oder Anwendungskontext) bezogen, der die unterschiedliche Behandlung erforderlich oder sinnvoll macht, und an diesen Problembereich angepaßt. Meistens wird dieser Problembereich nicht explizit angegeben, sondern als implizit klar unterstellt.

Das Chaos um den Begriff Geschlecht wird wesentlich dadurch verursacht, daß es mehrere Problembereiche und zugehörige Geschlechtsbegriffe bzw. Kategorisierungen gibt, diese aber nicht identisch sind. Üblicherweise kommen die beiden Kategorien Mann und Frau vor, bedeuten aber nicht überall exakt das gleiche. Daneben kann es einen Bedarf nach weiteren Geschlechtskategorien geben. Die wichtigsten Problembereiche, in denen Geschlechtsbegriffe vorkommen, sind:

  • Die Möglichkeit, schwanger zu werden, Kinder zu gebären und Muttermilch zu produzieren, mit der Säuglinge ernährt werden. Auf diese Funktion nimmt sogar das Grundgesetz Bezug, indem es Mütter unter besonderen Schutz stellt.
  • Frauen sind statistisch betrachtet kleiner, haben weniger Muskelmasse bzw. Körperkraft und physische Ausdauer usw. Daher werden beim Sport separate Wettbewerbe für Männer und Frauen durchgeführt, sind beim Arbeitsschutz die Schutzvorschriften für Frauen strenger als bei Männern, brauchen Frauen keinen Militärdienst zu leisten usw.
  • Wegen der Libido-Differenz zwischen Männern und Frauen wird die Sexualität von Männern weitaus schärfer sanktioniert und sozial eingeschränkt als die von Frauen.
  • In der Biologie interessiert man sich für Lebensformen, die langfristig existieren, die sich also reproduzieren können. Insofern sind die Reproduktionsmechanismen einer Spezies ein zentrales Thema. Beim homo sapiens (und bei allen anderen höheren Lebewesen, namentlich Säugetieren) ist die Fortpflanzung zweigeschlechtlich, wobei je ein Geschlecht als Ei- bzw. Samenproduzent fungiert. Diese beiden Geschlechter haben jeweils eine eigene Evolution durchlaufen und waren und sind völlig unterschiedlichen Selektionsdrücken ausgesetzt (dies gilt als Hauptgrund für die hohe Entwicklung solcher Spezies), müssen also getrennt betrachtet werden.
  • Geschlechtsspezifische Toiletten (der große Aufreger) sind funktional dadurch motiviert, daß Männer dank Penis Urinale benutzen können. Urinale brauchen weitaus weniger Wasser und Stellfläche als Sitz-WCs, sparen also Ressourcen und Geld.
Die vorstehend genannten Problembereiche sind weitestgehend biologisch bedingt, die zugehörigen Kategorisierungen sind daher unvermeidlich. Die Zuordnung einer Person zu einem Geschlecht basiert bei diesen Beispielen auf biologischen Tatsachen, diese Zuordnung sind nicht änderbar. Schon gar nicht kann sich eine Person selber nach Lust und Laune einem beliebigen Geschlecht zuordnen.

Es gibt auch Themenbereiche, bei denen Männern und Frauen verschieden behandelt werden oder sich verschieden verhalten, ohne daß dies aus biologischen Unterschieden zwangsläufig folgt. Beispiele:

  • In manchen Religionen können Frauen nicht Priester (oder Papst) werden oder müssen ihren Kopf verhüllen, Männer und Frauen werden also verschiedene funktionale Rollen zugewiesen bzw. zu unterschiedlichem Verhalten gezwungen.
  • In einem Matriarchat, wie es z.B. durch das Frauenstatut der Grünen formal für die innere Struktur der Partei B90/Grüne implementiert wird, werden Männer zu Menschen zweiter Klasse degradiert, die von den Frauen, den Menschen erster Klasse, beherrscht werden.
Solche kulturspezifischen Unterscheidungen von Geschlechtern sind i.d.R. willkürlich. Sie basieren fast immer auf einer biologischen Klassifikation der Menschen. In vielen Fällen kann man sie auch als eine spezielle Lösung der Probleme ansehen, die aus den biologischen Differenzen folgen. Ein Beispiel sind spezielle Verhaltensregel für Schwangere.

In anderen Fällen, u.a. den beiden o.g. Beispielen, besteht kein kausaler Zusammenhang zwischen biologischen Unterschieden und der unterschiedlichen Behandlung. In diesem Fall ist auch die Zuordnung eines Individuums zu einer der Kategorien willkürlich. Im Extremfall kann man hier Geschlechtskategorien frei erfinden und es einem Individuum erlauben, sich je nach Tageslaune einer Kategorie selber zuzuordnen.

Universelle Geschlechtsbegriffe

In praktisch allen Kulturen wird für alle o.g. Problembereiche eine einzige, gemeinsame Klassifizierung bzw. ein universeller Geschlechtsbegriff verwendet, der in beliebigen Problembereichen verwendet wird, nämlich in Mann/Frau. Wenn man genau hinsieht, sind die entstehenden Gruppen aber nicht immer angemessen. Aus biologischer Sicht gibt es beispielsweise Personen, bei denen die äußerlich erkennbaren Geschlechtsmerkmale keine eindeutige Zuordnung erlauben oder die bei der biologischen Fortpflanzung weder als Ei- noch als Samenproduzent fungieren können und die sich als solche nicht reproduzieren können, die also als Nebeneffekt der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung entstehen. Wenn also alle Menschen das Merkmal "reproduktives Geschlecht" haben sollen, muß man für diese Fälle begrifflich eine dritte Kategorie bilden, auch wenn das nur eine extrem kleine Minderheit ist. Beim Paarungsverhalten macht es Sinn, neben Mann/Frau zusätzlich heterosexuell/homosexuell zu unterscheiden, in diesem Anwendungskontext kommt man also auf 4 Kategorien (oder ggf. noch mehr, wenn man bisexuelle und zölibatär lebende Personen berücksichtigt).

Es bringt offensichtlich nichts ein, Geschlechtsbegriffe, die zu unterschiedlichen Anwendungskontexten gehören, einfach zu kombinieren (z.B. nichtfortpflanzungsfähig-homosexuell). Dies führt zu einer kombinatorischen Explosion, die Zahl der Kategorien multipliziert sich dann i.w. Man findet keine handlichen Bezeichnungen für die Kategorien. Die Begriffe sind zwangsläufig unpraktisch, weil sie eben nicht mehr angemessen für jeden einzelnen Problembereich sind. Im Endeffekt stellt sich die Frage,

  • ob man mit einer einzigen, universellen Klassifizierung auskommt, z.B. Mann, Frau, sonstig, oder
  • ob man je nach Anwendungskontext unterschiedliche Geschlechtsbegriffe bzw. Klassifizierungen braucht.
Pragmatisch gesehen ist man in der Vergangenheit mit einer universellen Klassifizierung ausgekommen, die nur in Ausnahmefällen unangemessen war. Da die "sonstigen" bei der heute vorherrschenden Opferstatus-Doktrin die moralische Oberhoheit haben, sind solche einfache Lösungen politisch kaum noch durchsetzbar.

Wenn man aber verschiedene Geschlechtsbegriffe und zugehörige Klassifizierungen benutzt, dann muß man auch die einzelnen Geschlechter bei jeder Klassifizierung anders benennen, sonst entsteht ein Kommunikationschaos.

Ein solches Kommunikationschaos wird seit einiger Zeit erzeugt durch Trans-Aktivisten (unterstützt von feministischen Parteien), die Geschlechtsbegriffe und zugehörige Klassifizierungen, die auf den Bedarf dieser sehr speziellen Gruppe angepaßt sind, als universelle Geschlechtsbegriffe für alle Problembereiche durchzusetzen, obwohl sie für andere Problembereiche (z.B. Medizin, Biologie, Recht usw.) völlig ungeeignet sind. Ob diese Begriffe auch dort durchgesetzt werden, wo sie völlig unbrauchbar sind, ist i.w. eine Machtfrage.


Übersicht über die Hauptbegriffe

Hauptbegriff "Geschlecht"



Wir führen zunächst als kompakte Übersicht einige Hauptbegriffe ein.

Merkmal: Geschlecht

Wir verstehen in diesem Glossar "Geschlecht" als ein i.d.R. nominalskaliertes Merkmal von Personen. Dies entspricht dem allgemeinen Sprachgebrauch, in dem Aussagen der Form "Person X hat Geschlecht Y" vorkommen.

Ob es 2, 67 oder 25000 "Geschlechter", also genauer gesagt Ausprägungen des Merkmals Geschlecht, gibt, ist hier unwesentlich. Entscheidend ist, daß man die Skaleneinträge, also "die Geschlechter", benennen und jedem Individuum einen Skalenwert zuordnen kann. Auf die Frage, warum man die Geschlechter so und nicht anders definiert hat und welche Folgen sich aus der Defintion ergeben, gehen wir hierzunächst nicht ein, sondern erst später.

Bestimmung des Geschlechts eines Individuums

Wenn man einen Geschlechtsbegriff postuliert, steht man vor der Frage, wie man das Geschlecht eines beliebigen Individuums bestimmt. Hierzu müssen eindeutig bestimmbare Kriterien bzw. konkrete "Meßverfahren" angegeben werden, in denen meßbare Eigenschaften eines Individuums vermessen werden, deren Ergebnisse dann zu der Kategorisierung "Geschlecht X" führen. Eigenschaften, die zur Geschlechtsbestimmung benutzt werden, nennen wir i.f. (definitorische) Geschlechtsmerkmale.

Geschlechtsbegriffe, zu denen kein konkretes Verfahren abgegeben wird, wie das Geschlecht eines Individuums bestimmt wird, sind suspekt und definitorisch unsauber. Sie sind insofern sinnlos, als man sie in der Praxis nicht verwenden kann.

Klassifizierung von Geschlechtsmerkmalen anhand der Meßmethode

Man kann anhand der Meßmethode folgende Arten von Geschlechtsmerkmalen unterscheiden:
  1. biologische Merkmale, deren Ausprägungen mit medizinisch/biologischen Verfahren bestimmt werden,
  2. psychische Merkmale, deren Ausprägungen mit psychologischen Untersuchungsmethoden bestimmt werden,
  3. soziale Verhaltensmerkmale, deren Ausprägungen durch Beobachtung sozialer Interaktion mit anderen Personen bestimmt werden.
Psychische und soziale Merkmale sind nicht völlig sauber getrennt, insb. bedingen beide i.d.R. eine vorherige Kategorisierung aller Individuen anhand biologischer Geschlechter. Daher stellen wir weiter unten zunächst biologische Geschlechtsmerkmale und darauf basierende Geschlechtsbegriffe vor, danach erst die psychischen und sozialen Geschlechtsmerkmale und Geschlechtsbegriffe.

Geschlechtsbegriffe, die sich auf biologische, psychische bzw. soziale Merkmale beziehen, werden weiter unten als biologische, psychische bzw. soziale Geschlechtsbegriffe bezeichnet.

Klassifizierung von Geschlechtsmerkmalen anhand der Relevanz für die Reproduktion

Eine weitere bekannte Klassifizierung von Geschlechtsmerkmalen unterscheidet zwischen primären, sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen. Das Hauptkriterium hierbei ist die Relevanz der Merkmale für die Reproduktion der Spezies:
  1. Primäre Geschlechtsmerkmale sind unverzichtbar für die (natürliche, nicht medizintechnische) Reproduktion. Beispiele sind z.B. Vulva, Vagina, Ovarien, Uterus, Hoden und Penis. Sie sind schon bei der Geburt vorhanden.
    Die primären Geschlechtsmerkmale sind ausnahmslos biologische Geschlechtsmerkmale.
  2. Sekundäre Geschlechtsmerkmale entstehen erst im Rahmen der Geschlechtsreife (Pubertät). Beispiele sind die weibliche Brust und der männliche Bartwuchs. Sie sind i.d.R. direkt oder indirekt (als Attraktivitätsmerkmal bei der Partnerfindung) beteiligt an der Reproduktion, aber nicht zwingend notwendig.
    Die sekundären Geschlechtsmerkmale sind überwiegend biologische Geschlechtsmerkmale, wegen der unscharfen Abgrenzung werden aber auch psychische Geschlechtsmerkmale dazu gezählt.
  3. Tertiäre Geschlechtsmerkmale sind alle sonstigen Geschlechtsmerkmale. Hierzu werden i.d.R. auch psychische oder soziale Geschlechtsmerkmale gezählt, die erlernt werden und nicht biologisch bestimmt sind.

Der Sinn von Geschlechtsbegriffen

Anmerkungen zum (Meta-) Begriff "Geschlechtsmerkmale"

Geschlechtsmerkmale sind allgemein gesagt Eigenschaften von Personen, die bei der Bestimmung des Geschlechts benutzt werden. Die Frage stellt sich hier, wann ist eine Eigenschaften von Personen ein Geschlechtsmerkmal? Hierzu sind zwei Ansätze vorhanden:
  1. Beim definitorischen Ansatz ist eine Eigenschaften dann ein Geschlechtsmerkmal, wenn sie in der Geschlechtsdefinition als Kriterium verwendet wird.
    Warum die Erfinder der Definition dieses Kriterium verwendet haben, bleibt offen bzw. ist unwichtig. Ggf. ist diese Frage Gegenstand einer separaten Begründung der Sinnhaftigkeit der Definition.
  2. Beim empirischen Ansatz ist eine Eigenschaften dann ein Geschlechtsmerkmal, wenn sich "die Geschlechter" (hier im Sinne der Kollektive der Personen, die ein Geschlecht X haben) in dieser Eigenschaft deutlich unterscheiden. Beispielsweise kommt Bartwuchs zwar auch bei Frauen vor, aber in weitaus geringerem Ausmaß und statistisch seltener als bei Männern, daher ist Bartwuchs ein Geschlechtsmerkmal.

    Der empirische Ansatz ist weit verbreitet und liegt u.a. der Klassifizierung in primäre, sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale zugrunde, insb. bei der Frage, welche menschliche Eigenschaften alle sekundäre bzw. tertiäre Merkmale sind.

    Der empirische Ansatz führt allerdings zu einem Definitionszyklus, er bezieht sich indirekt auf sich selbst und ist insofern eine Fehlkonstruktion. Er unterstellt, daß man bereits vor der Bestimmung, ob eine menschliche Eigenschaft ein Geschlechtsmerkmal ist, die Kollektive der Personen, die ein Geschlecht X haben, gebildet hat. Man bestimmt nämlich für jedes Kollektiv die Menge der Ausprägungen der Eigenschaft und vergleicht diese Mengen von Ausprägungen - wenn sie unterschiedlich snd, dann ist es ein Geschlechtsmerkmal. Die hier beobachtbaren Unterschiede, z.B. beim Bartwuchs, wurden aber schon vorher bei der Bestimmung der Kollektive verwendet.

Ein Geschlechtsmerkmal, dessen Ausprägungen bei den Geschlechterkollektiven, die mit Hilfe dieses Merkmals gebildet werden, nicht verschieden sind, ist offensichtlich unbrauchbar, Das gilt auch für den definitorischen Ansatz. Wir können also festhalten, daß nur Eigenschaften Geschlechtsmerkmale sein können, die in diesem Sinne brauchbar sind. Diese Bedingung ist notwendig, aber nicht hinreichend.

Anwendungsbezogenheit des Geschlechtsbegriffs

Der potentielle definitorische Zyklus zwischen den Begriffen Geschlecht und Geschlechtsmerkmal führt zu der generellen Frage, welcher der beiden Begriffe der wichtigere, primäre ist.

Offensichtlich ist der Begriff Geschlecht wichtiger, denn die damit einhergehende Klassifizierung von Personen hat einen realen Zweck, z.B. gesetzliche Privilegien von Frauen, geschlechtsspezifische Kleidergrößen oder medizinische Therapien usw. D.h. man landet wieder bei der schon oben diskutierten Sinnfrage: Warum unterscheidet man Geschlechter und wozu benutzt man die Klassifizierung. Die Gestaltung von Geschlechtsdefinitionen und die Auswahl von Geschlechtsmerkmalen darin müssen sich an diesem Anwendungskontext orientieren.

Eine herausragende Stellung nehmen hier die biologischen Geschlechter ein, weil sie für existenzielle Probleme wie Fortpflanzung und sehr viele universelle alltägliche Probleme wie z.B. passende Kleidung relevant und unverzichtbar sind und erprobte Lösungen anbieten. Alle anderen Geschlechtsdefinitionen adressieren Probleme, die viel unklarer sind und die oft nur in speziellen Kulturen auftreten.



Biologische Geschlechtsmerkmale

Physische bzw. biologische Merkmale sind Merkmale, die mit medizinisch/biologischen Verfahren im Körper von Personen meßbar sind und die keine Beobachtung des Verhaltens einer Person oder sogar Kommunikation mit einer Person erfordern; diese werden weiter unterteilt in:
  1. physische unbelebte Merkmale, die ggf. schon anhand einer Gewebeprobe oder auch an einer Leiche oder einem Embryo bestimmt werden können. Beispiele:
    • innerhalb von Zellen: Chromosomen, darauf befindliche Gene
    • im Körper: Geschlechtsorgane, Hormonkonzentrationen, geschlechtstypische anatomische Formen von Körperteilen etc.
  2. physische belebte Merkmale, die nur an einer lebenden Person beobachtet und gemessen werden können, i.d.R. als Reaktion auf äußere Reize. Beispiele:
    • körperliche, unterbewußte Reaktionen auf sexuelle Reize, z.B. Erektionen (s. sexuelle Attraktion)
    • Hormonausstoß in Streßsituationen,
    • geschlechtsspezifischer Stoffwechsel,
    • Informationsverarbeitung im Gehirn
Die Ausprägungen der biologischen Merkmale sind von Natur aus vorgegeben und nicht konstruierbar: man kann keine Menschen mit 3 Y-Chromosomen, 4 Brüsten oder 5 Beinen "konstruieren". Eventuelle Mutationen können zwar bei Individuen auftreten, diese sind aber - sofern überhaupt lebens- und fortpflanzungsfähig - i.a. nicht vererbbar, für biologische Klassifikationen daher irrelevant.

Die konkrete Ausprägung fast aller biologischen Merkmale ist bei einem Individuum nicht änderbar (geschlechtsändernde Maßnahmen bei sexuellen Transitionen betreffen nur einen Bruchteil aller biologischen Merkmale).



Biologische Geschlechter

Merkmal: biologisches Geschlecht

Das biologisches Geschlecht ist eine biologische Eigenschaft von Personen. "Biologisches Geschlecht" ist wiederum nur Oberbegriff für mehrere konkretere Definitionen, auf die wir später ausführlich eingehen. Diese Definitionen beruhen alle auf biologischen Merkmalen (belebten oder unbelebten).

Die hier benutzten biologischen Merkmale sind nominalskaliert (vereinzelte Mutationen sind biologisch nicht relevant). Die Bildung von Kategorien bzw. Geschlechtern anhand der einzelnen möglichen Ausprägungen ist bei nominalskalierten Merkmalen trivial: jede Merkmalsausprägung definiert eine Kategorie. Eine eigene "kreative" Kategorienbildung wird hier nicht benötigt.

Als Synonym für "biologisches Geschlecht" wird oft "Sex" (mit Verweis auf das gleichlautende englische Wort) angegeben. "Sex" wird allerdings im Alltag als Bezeichnung für beliebige sexuelle Aktivitäten verstanden, ferner im Kontext des Fachs Biologie oft als die sehr spezielle Aktivität, eine Ei- und eine Samenzelle zusammenzubringen. Wir werden die Bezeichnung "Sex" daher weitgehend vermeiden.

Merkmal: wahrgenommenes biologisches Geschlecht

Das wahrgenommene biologische Geschlecht ist eine Eigenschaft von Personen. Im Unterschied zum "präzisen" biologischen Geschlecht, dessen Merkmale ggf. nur durch medizinisch/biologische Analysen und entsprechende Technik, dann aber recht präzise gemessen werden können, handelt es sich hier um das Ergebnis der Klassifikation von Personen anhand von biologischen Körpermerkmalen, die mit menschlichen Sinnesorganen, also durch Menschen und deren Möglichkeiten zur Informationsverarbeitung wahrnehmbar sind.

Während die diversen biologischen Geschlechtsbegriffe durchweg nominalskalierte Merkmale sind, sind die Ausprägungen des wahrgenommenen biologischen Geschlechts linguistische Terme, können also verschiedene Grade des Zutreffens haben.

Der Begriff "wahrgenommenes biologisches Geschlecht" wird vor allem für die Definition der Begriffe sexuelle Attraktion und sexuelle Identität benötigt.



Psychische Geschlechtsmerkmale

Psychische Geschlechtsmerkmale sind Merkmale der Psyche einer Person, die nur mit psychologischen Untersuchungsmethoden bestimmt werden können (daß diese Untersuchungsmethoden tw. als sehr unzuverlässig gelten, spielt hier keine Rolle, mit medizinisch/biologischen Untersuchungsmethoden sind diese Merkmale jedenfalls nicht meßbar, es sind auch keine originär sozialen Verhaltensmerkmale).

Merkmal: sexuelle Identität (geschlechtliches Selbstkonzept)

Die sexuelle Identität (oft auch als "Geschlechtsidentität" bezeichnet) ist die Vorstellung oder der Wunsch einer Person, einem bestimmten Geschlecht anzugehören (mehr dazu auf einer separaten Seite).


Soziale Geschlechtsmerkmale

Soziale Verhaltensmerkmale sind Merkmale der Interaktion mit anderen Personen, können also nur in einem sozialen Umfeld auftreten. Wegen der uferlosen Menge an Details, die man bei sozialen Interaktionen beobachten kann, handelt es sich hier i.d.R. um stark abstrahierende Muster, die nur einzelne, mehr oder weniger willkürlich gewählte Aspekte betreffen. Ein bestimmtes Verhaltensmuster kann bei der gleichen Person mehr oder weniger regelmäßig und unterschiedlich stark ausgeprägt auftreten.

Definitorische Probleme sozialer Geschlechtsmerkmale

Die psychischen und vor allem die sozialen Geschlechtsmerkmale haben zwei prinzipielle definitorische Probleme:

1. Korrelation mit biologischen Merkmalen: Viele wichtige psychische und soziale Merkmalsausprägungen korrelieren stark mit biologischen Merkmalsausprägungen; es ist plausibel, die biologischen Merkmalsunterschiede als Ursache der psychischen bzw. Verhaltensunterschiede anzusehen, die dann also keine originären Merkmale sind. Beispiele:

  • direkt oder indirekt mit reproduktiven Vorgängen (Gebären, Stillen etc.) zusammenhängendes Verhalten
  • durch unterschiedliche Körpermerkmale (z.B. Kraft) begründete Verhaltensunterschiede
  • durch sexuelle Attraktion begründete Verhaltensunterschiede gegenüber Personen eigenen bzw. anderen Geschlechts
  • intrasexuelle Konkurrenz, also Konkurrenzverhalten und -Kämpfe zwischen Angehörigen desselben Geschlechts; diese spielen eine zentrale Rolle bei der intrasexuellen Selektion, die bei allen sexualdimorphen Lebewesen zu beobachten ist und die daher als grundlegender biologischer Wirkmechanismus anzusehen ist. Die intrasexuelle Konkurrenz ist komplementär zur heterosexuellen sexuellen Attraktion, allerdings nicht ohne weiteres physisch meßbar und wird daher hier als Verhaltensmerkmal klassifiziert.
  • Unterschiede bei den grundlegenden Charaktermerkmalen wie z.B. im Big Five-Modell
2. Vorhergehende biologische Klassifikation: Vor allem die sozialen Geschlechtsmerkmale unterstellen regelmäßig eine vorherige biologische Klassifikation aller Individuen als Männer bzw. Frauen, i.d.R. anhand des wahrgenommenen biologischen Geschlechts. Verhaltensmerkmale werden üblicherweise nur dann als soziale Geschlechtsmerkmale verstanden, wenn ihre Ausprägungen bei Männern und Frauen statistisch signifikant verschieden verteilt sind. Wenn man nicht zuerst die Population nach dem biologischen Geschlecht klassifizieren würde, könnte man diese Statistiken gar nicht bilden.


Soziale Geschlechter

Merkmal: Gender

Mehrere Verwendungen des Begriffs "Gender" kann man als mißbräuchlich bzw. populistisch ansehen. Wenn wir von diesen Verwendungen absehen, dann wird der Begriff "Gender" sehr oft informell als soziales Analogon zum biologischen Geschlecht definiert, also als Klassifikation von Personen anhand von sozialen, geschlechtsspezifischen Verhaltensmerkmalen (und implizit i.d.R. einer vorhergehenden biologischen Klassifikation). Dieser Definitionsansatz zur Bildung von Geschlechtskategorien scheitert in der Praxis aber regelmäßig an der unüberschaubaren Menge von Verhaltensarten.

Abweichend von dem vorstehenden empirischen Gender-Begriff wird "Gender" in großen Teilen der feministischen Literatur als sozialer Wirkmechanismus definiert, der geschlechtsspezifisches Sozialverhalten erzeugt (mehr dazu später).

Beide Begriffe sind insofern soziologisch, als sie von Sozialverhalten handeln und in erster Linie mit soziologischen Methoden beschrieben und untersucht werden müssen.


Biologische Geschlechtsbegriffe im Detail

Grundlegende biologische Geschlechtsbegriffe



Merkmale von biologischen Geschlechtsbegriffen

Die grundlegenden biologischen Geschlechtsbegriffe beruhen alle auf Körpermerkmalen, die für die Reproduktion relevant sind, weil sie dort eine wesentliche, teilweise unverzichtbare Funktion haben. Die Ausprägungen dieser Merkmale sind durchweg
  • objektiv meßbar (diagnostizierbar)
  • in einigen besonders wichtigen Fällen diskret, also ein Wert aus einer endlichen Menge möglicher Werte,
  • nicht auf natürlichem Wege änderbar (Veränderungen durch Unfälle, Operationen oder sonstige Eingriffe werden hier nicht betrachtet)

Geschlechtsdetermination

Den Prozeß der Ausbildung der biologischen Geschlechtsmerkmale nennt man Geschlechtsdetermination. Beim Menschen ist die Geschlechtsdetermination grundsätzlich genetisch bzw. chromosomal gesteuert. Hierbei sind folgende Abschnitte wesentlich:
  1. Zunächst ist im Embryo nur das chromosomale oder genetische Geschlecht manifestiert. Entscheidend hierfür ist der Hoden-determinierende Faktor. Dies ist ein Protein, welches von dem SRY-Gen codiert wird. Das SRY-Gen befindet sich normalerweise auf dem Y-Chromosom.
  2. Im Embryo ist anfangs nur eine undifferenzierte Gonadenanlage vorhanden. Das Vorhandensein des Hoden-determinierenden Faktors führt ab der 7. Woche der Entwicklung dazu, daß sich hieraus Hoden entwickeln. Andernfalls entwickeln sich hieraus Ovarien. Sobald entschieden ist, welche Keimdrüse (Gonade; entweder Eierstock oder Hoden) gebildet wird, kann man von einem gonadalen Geschlecht reden.
  3. Sofern keine Störungen eintreten, produzieren die Keimdrüsen unterschiedliche Sexualhormone. Diese steuern ihrerseits an vielen Stellen die weitere Entwicklung des Embryos und führen zur Ausbildung eines männlichen oder weiblichen Phänotyps, der sich in primären, sekundären und tertiären Geschlechtsmerkmalen darstellt.
  4. Schon bei der Geburt vorhanden sind die primären Geschlechtsmerkmale. Hierzu zählen die Geschlechtsorgane, die direkt in die Fortpflanzung involviert sind, u.a. die Vagina, die Ovarien, Uterus, Hoden und der Penis.
  5. Sekundäre Geschlechtsmerkmale bilden sich erst nach der Geschlechtsreife aus, z.B. die weibliche Brust oder männlicher Bartwuchs. Sie sind nicht direkt notwendig für die Fortpflanzungsfähigkeit, sie sind aber relevant für die sexuelle Attraktivität und Konkurrenzfähigkeit sowie die Kinderaufzucht.
(Anmerkung: der Begriff "Merkmal" wird hier oft nicht im normalen Sinn benutzt - ein Merkmal im Sinne einer Eigenschaft ist bei allen Individuen vorhanden - sondern steht für eine Eigenschaft mit den Ausprägungen "vorhanden" und "nicht vorhanden"; bei der Ausprägung "vorhanden" sagt man, das Merkmal sei vorhanden.)

Zu den tertiären Geschlechtsmerkmalen zählen körperliche Merkmale, die nicht zu den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen gehören, sowie geschlechtstypische Verhaltensmerkmale.

Fortpflanzungsfähigkeit

Die vorstehenden detaillierten Geschlechtsbegriffe sind in den meisten Kontexten uninteressant: Entscheidend ist in vielen Fällen alleine das Merkmal Fortpflanzungsfähigkeit.

An dieser Stelle muß an die generelle Sichtweise der Biologie als Naturwissenschaft erinnert werden: Die Biologie beschreibt die verschiedenen Arten von Lebewesen, die längerfristig auftreten, sich also reproduzieren können. Von zentralem Interesse sind dabei die physischen Verhältnisse und die Prozesse der Reproduktion, die ihrerseits über viele Generationen hinweg gleichartig auftreten, und die dabei auftretenden Rollen von Individuen.

Bei der Fortpflanzung von Menschen sind in biologischer Hinsicht nur 2 Rollen relevant, Eiproduzent bzw. Samenproduzent. Voraussetzung hierfür ist das Vorhandensein entsprechender Organe, also einer Vielzahl von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen. Die Fortpflanzungsfähigkeit korreliert sehr stark mit dem Vorhandensein dieser Geschlechtsmerkmale.

Das Merkmal Fortpflanzungsfähigkeit, das man auch als reproduktives Geschlecht bezeichnen kann, ist somit diskret, nominalskaliert und hat 3 Werte: "fortpflanzungsfähig (Mann)", "fortpflanzungsfähig (Frau)", "nicht fortpflanzungsfähig".

"Männlich" und "weiblich" als linguistische Terme

"Männlich" und "weiblich" werden fast immer im Sinne von Ei- bzw. Samenproduzent oder, dazu fast identisch, im Sinne von fortpflanzungsfähig in der Rolle als Mann bzw. Frau verstanden. Es handelt sich hier nicht um einen einzelnen Meßwert, den man an einer Person vermessen könnte, sondern um eine Kombination diverser primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale, die "starke Indizien" für ein bestimmtes Geschlecht sind. Daher sollte man diese Ausprägungen des biologischen Geschlechts besser als linguistische Terme ansehen. Von den beiden Termen trifft bei fast allen Personen einer der beiden Terme in sehr hohen Ausmaß zu und der andere in sehr geringem Ausmaß, diese Fälle sind sozusagen "eindeutig".

In seltenen Fällen trifft keiner der beiden Terme in hohem Ausmaß zu. Bezeichnungen wie "drittes Geschlecht" oder "intersexuell" kann man negativ definieren als die restlichen Fälle, die nicht eindeutig sind. Dies ist aber wenig intuitiv, und ob man hier einen linguistischen Term mit einer intuitiv einleuchtenden fuzzy-Definition bilden kann, ist nicht ganz klar.

Literatur zu biologischen und psychologischen Geschlechtsunterschieden

Die Literatur über menschliche Geschlechtsunterschiede - wovon die meisten tertiäre Geschlechtsmerkmale betreffen - ist kaum überschaubar. Eine extrem umfangreiche Metastudie, die rund 18000 Einzelpublikationen abdeckt, ist Geary (2009). Weitere kompaktere Listen von Unterschieden und zugehörigen Publikationen finden sich in den anschließenden Quellenangaben. Die meisten Details sind für die Zwecke dieses Glossars nicht relevant, weil sie nicht von Menschen wahrnehmbar sind.

1. Metastudien und Übersichtslisten

2. Monographien, Lehrbücher

3. Sonstige

  • Roy F. Baumeister: Is There Anything Good About Men? - Invited Address, American Psychological Association. denisdutton.com, 24.08.2007.
  • Doris Bischof-Köhler: Von Natur aus anders. "Die kleinen Helden" aus evolutionärer Perspektive. Vortrag in der Evangelischen Akademie, Loccum, 12.11.2004. http://www.bischof.com/mat/bischof-koehler_loccum.pdf


Wahrgenommenes biologisches Geschlecht (Phänotyp)

Wahrnehmbare biologische Geschlechtsmerkmale

Viele biologische Geschlechtsmerkmale einer Person sind für andere Personen mit deren Sinnesorganen nicht wahrnehmbar, z.B. Gene, Hormonpegel, innenliegende primäre Geschlechtsorgane etc.

Mit menschlichen Sinnesorganen (also vor allem optisch oder akustisch) wahrnehmbare biologische Geschlechtsmerkmale sind vor allem sekundäre und tertiäre Geschlechtsmerkmale, z.B. Körpergröße, Körperform, weibliche Brust, Bartwuchs bzw. allgemeiner Behaarung, Gesichtszüge, Stimmlage u.v.a.

Die Ausprägungen der wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmale korrelieren sehr stark untereinander (weibliche Brust vorhanden korreliert stark mit kein Penis vorhanden und hohe Stimme) und mit dem gonadalen Geschlecht.

Wahrnehmbare biologische Geschlechter

Mathematisch kann man diese wahrnehmbaren Merkmale als Dimensionen eines Vektorraums auffassen. Wenn man eine repräsentative Menge von Personen als Vektoren in diesem Vektorraum abbildet, findet eine Clusteranalyse zwei große Cluster, die den klassischen biologischen Geschlechtern Mann und Frau entsprechen.

Ein Cluster (Synonym: Ähnlichkeitsgruppe) ist eine Gruppe von Vektoren, die untereinander sehr ähnlich sind und unähnlich zu Vektoren außerhalb des Clusters sind. Eine Clusteranalyse findet solche Ähnlichkeitsgruppen (im Gegensatz dazu geht eine Klassifizierung von vorher bekannten Klassen und deren Beschreibung aus und ordnet Individuen den Klassen zu). Eine Clusteranalyse wird daher auch als automatisierte Klassifizierung bezeichnet. Die Anzahl der gefundenen Cluster liegt nicht vorab fest, sondern hängt vom Datenbestand ab. Die gefundenen Cluster haben zunächst keine Namen und müssen, sofern daran Interesse besteht, nachträglich benannt werden, d.h. soziale bzw. linguistische Einflüsse sind bei der Bildung der Cluster ausgeschlossen, während die konkreten Bezeichnungen zufällig oder sozial beeinflußt bestimmt werden.

Die beiden vorgefundenen Cluster korrelieren sehr stark mit der Fortpflanzungsfähigkeit in der Rolle als Eiproduzent ("Frau") bzw. Samenproduzent ("Mann"), der eigentlich interessanten Eigenschaft für Individuen, die einen Partner zur Fortpflanzung suchen. Diese beiden Cluster werden ebenfalls oft mit den linguistischen Termen "männlicher Phänotyp" und "weiblicher Phänotyp" bezeichnet. Unter Phänotyp oder Erscheinungsbild versteht man die kombinierten Ausprägungen aller Geschlechtsmerkmale in ihrer Gesamtheit, wobei das "-typ" in Phänotyp andeutet, daß hier nicht Einzelfälle gemeint sind, sondern Ähnlichkeitsgruppen. Beim Begriff Phänotyp werden auch Verhaltensmerkmale einbezogen. Wir beschränken uns hier auf biologische (anatomische) Merkmale (die nicht sozial beeinflußbar sind und die im Alltag von anderen Menschen sofort erkannt werden können) und nennen diese in ihrer Gesamtheit anatomischen Phänotyp oder wahrnehmbares biologisches Geschlecht.

Durch eine Clusteranalyse werden automatisch auch Dimensionen, also hier einzelne Merkmale von Menschen, identifiziert, in denen die Ähnlichkeitsgruppen signifikant andere Werteverteilungen haben. Dies führt zu diversen linguistischen Termen der Form "typisch männliches/weibliches X", worin X eines der meßbaren Merkmale ist, z.B. Körpergröße, Taille-Hüfte-Verhältnis usw.

Durchführung von Clusteranalysen

Clusteranalysen werden in allen möglichen Kontexten durchgeführt und sind im Prinzip mathematische Verfahren, die beliebige Rohdaten nach Ähnlichkeitsgruppen durchsuchen. Clusteranalyse ist allerdings auch eine grundlegende menschliche Intelligenzleistung: sie beruht auf der Fähigkeit, beliebige Phänomene zu vergleichen, Ähnlichkeiten zu erkennen und ähnliche Beobachtungen zu gruppieren. Alle biologischen Klassifikationssysteme beruhen auf Clusteranalysen real vorgefundener Lebensformen. Sogar Kinder können schon mit ca. 2 Jahren Erwachsene als Männer und Frauen klassifizieren, d.h. diese Intelligenzleistung ist nicht durch Schulung oder andere soziale Einflüsse erlernt worden, sondern von Natur aus vorhanden und verläuft oft unbewußt, z.B. bei der Bildung von Stereotypen.

Sexualdimorphismus

Die Spezies Mensch (homo sapiens) ist sexualdimorph, d.h. die geschlechtsreifen männlichen bzw. weiblichen Individuen weisen deutliche Unterschiede in der Gestalt, Physiologie (z.B. Lactation), Rolle bei der Fortpflanzung usw. auf.

Der Begriff Sexualdimorphismus unterstellt bereits, daß die Individuen der Spezies in Ei- und Samenproduzenten klassifiziert werden können.

Es gibt mehrere Definitionen für den Begriff, fast immer bezieht man sich darin ausschließlich auf sekundäre Geschlechtsmerkmale, in denen sich die beiden "Gestalt(ung)en" unterscheiden sollen. Die primären Geschlechtsmerkmale sind nämlich i.d.R. nicht mit den Sinnen der Spezies erkennbar (was zur Frage führt, ob Penis und Vulva primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale sind). Dies ist weitgehend konsistent mit dem Begriff der wahrnehmbaren biologischen Geschlechter.

Der Begriff Sexualdimorphismus ist insgesamt wenig hilfreich bei der Diskussion, ob es zwei oder mehr Geschlechter gibt und welche menschlichen Eigenschaften Geschlechtsmerkmale sind.



Sexuelle Attraktion


Androphilie und Gynophilie
Sexuelle Attraktion als Informationsverarbeitung
Ist "sexuelle Attraktion" ein grundlegender oder aufbauender Begriff?
Hetero- und Homosexualität
Zusammenfassung und Konsequenzen

Androphilie und Gynophilie

Sexuelle Attraktion ist ein gut beobachtbares Merkmal von erwachsenen (geschlechtsreifen) Menschen. Man bildet typischerweise zwei grundlegende linguistische Terme, um die "sexuelle Angezogenheit" zu klassifizieren: Weit gefaßt drücken beide Begriffe aus, daß jemand Männer bzw. Frauen als "schön", "anziehend" oder "erregend" empfindet, genereller gesagt als attraktiv hinsichtlich seiner romantischen, emotionalen und sexuellen Interessen. In einem engeren Sinne löst Sicht- oder Körperkontakt mit Männern bzw. Frauen, also Trägern des attraktiven Phänotyps, eine medizinisch meßbare sexuelle Erregung aus, z.B. Erektionen (Penis, Brustwarzen) oder Hormonausschüttungen.

Sexuelle Attraktion darf nicht verwechselt werden mit dem Begriff "sexuelle Attraktivität"; diese ist ein Merkmal der anderen Person, die die Attraktion auslöst.

Die Begriffe androphil bzw. gynophil sind insofern linguistische Terme, als das Ausmaß ihres Zutreffens erheblich schwanken kann.

Beide Merkmale können bei einer Person zugleich zutreffen, die dann als "bisexuell" bezeichnet wird. Wenn eines der beiden Merkmale nur sehr schwach ausgeprägt ist, manifestiert es sich i.a. nicht durch Verhalten und wird auch subjektiv nicht wahrgenommen. Gleichzeitige Androphilie und Gynophilie in medizinisch meßbarer Stärke tritt nur sehr selten auf (s. Statistische Häufigkeit von Bisexualität in westlichen Industrieländern).

Der weit überwiegende Normalfall ist die Attraktion nur durch Personen des anderen Geschlechts (Heterosexualität). ferner mit einem Anteil von ca. 1 - 3 % Attraktion nur durch Personen des gleichen Geschlechts (Homosexualität).

Die sexuelle Attraktion manifestiert sich zwar erst während der Pubertät in vollem Umfang, namentlich die medizinisch nachweisbaren Effekte wie Erektionen oder Hormonausschüttungen. Nach heutigen Wissensstand ist sie dennoch nicht frei wählbar oder später änderbar, sondern im Sinne einer Veranlagung biologisch bestimmt.

Sexuelle Attraktion als Informationsverarbeitung

Sexuelle Reaktionen eines Menschen auf sexuelle Reize sind letztlich unterbewußte Informationsverarbeitungen des Gehirns (auf Basis der "Rohdaten" aller Sinnesorgane). Da Männer- und Frauengehirne statistisch deutliche Unterschiede aufweisen, geht man davon aus, daß die sexuelle Attraktion i.w. durch Gehirnstrukturen festgelegt ist. Die genauen Vorgänge sind aber nicht wirklich verstanden.

Unklar ist ferner, ob die androphilen bzw. gynophilen Gehirnstrukturen genetisch bestimmt sind oder durch Einflüsse u.a. der Mutter auf den Fötus oder schlicht durch Zufälle entstehen.

Konsens besteht dahingehend, daß diese Gehirnstrukturen nach der Geburt nicht mehr auf natürlichem Weg änderbar sind. Dieser Wissensstand wird vor allem aus ideologischen Motiven von radikalkonservativen bzw. religiös geprägten und von radikalfeministischen Akteuren attackiert: die einen würden gerne Homosexuelle von ihrer "unnatürlichen" sexuellen Attraktion "heilen", die anderen die Heterosexuellen aus ihrer heterosexuellen Matrix "befreien".

Unter der Annahme, daß die sexuelle Attraktion biologisch festliegt, ist an der Hetero- und Homosexualität besonders bemerkenswert, daß eines der beiden wahrnehmbaren biologischen Geschlechter keine Attraktion auslöst und somit bei der Wahrnehmung anderer Personen deren Geschlechter unterschiedliche Wirkungen erzeugt. Dies bedingt wiederum,

  • daß die Fähigkeit vorhanden sein muß, andere Menschen anhand der wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmale in die beiden Hauptcluster Männer und Frauen zu klassifizieren - dies ist eine elementare Intelligenzleistung;
  • daß es biologisch fixiert ist, welche Ausprägungen von wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmalen "attraktiv" (Attraktion auslösend) sind.
D.h. sowohl die Unterscheidungsfähigkeit als auch das "Schönheitsempfinden" sind biologisch verankert, beide brauchen nicht erlernt zu werden und können im Normalfall nicht verlernt oder unterdrückt werden.

Die Fähigkeit, andere Individuen anhand der wahrnehmbaren biologischen Geschlechtsmerkmale als geeigneten oder ungeeigneten Partner zur Fortpflanzung (oder andernfalls als intrasexuellen Konkurrenten) einzuschätzen, ist offensichtlich sehr wichtig, um den eigenen Reproduktionserfolg sicherzustellen. Insofern ist es plausibel, daß diese Fähigkeit gut ausgeprägt ist.

Ist "sexuelle Attraktion" ein grundlegender oder aufbauender Begriff?

Die sexuelle Attraktion (alternativ die "sexuelle Orientierung" oder ähnliche Begriffe) wird oft als grundlegender Begriff bzw. grundlegendes Phänomen zur Beschreibung von Sexualität oder Geschlecht angesehen, insb. bei Versuchen, Geschlechtsbegriffe auf Basis des beobachtbaren geschlechtsspezifischen Sozialverhaltens zu bilden. Offensichtlich benötigt man indes schon in der Definition von Androphilie und Gynophilie die Begriffe "Mann" und "Frau". Bei diesen grundlegenderen Begriffen bzw. Phänomenen kann es sich nur um die beiden wahrnehmbaren biologischen Geschlechter handeln bzw. die Fähigkeit, diese zu unterscheiden und verschieden darauf zu reagieren.

Man kann allerdings fragen, ob eine Gesamtklassifikation anderer Personen als Mann oder Frau notwendig ist oder ob die sexuelle Attraktion schon von einzelnen beobachtbaren Merkmalen verursacht wird. Beispielsweise wächst manchen Männern durch eine hormonelle Störung oder als Folge einer hormonellen Prostatakrebstherapie eine weibliche Brust. Deswegen werden diese Männer aber von Gynophilen nicht als sexuell attraktiv angesehen. D.h. es müssen i.a. mehrere beobachtbare Merkmale konsistent typisch männliche bzw. weibliche Ausprägungen haben, um eine sexuelle Erregung bzw. Attraktion auszulösen.

Hetero- und Homosexualität

Auf dem Begriff der sexuellen Attraktion bauen zwei weitere zentrale Begriffe auf: Hetero- und Homosexualität. Als heterosexuell werden Personen bezeichnet, bei denen das wahrgenommene Geschlecht, das sexuell attraktiv ist, anders das "eigene Geschlecht" ist. Als homosexuell werden Personen bezeichnet, bei denen das wahrgenommene Geschlecht, das sexuell attraktiv ist, das gleiche wie das eigene Geschlecht ist. "Homosexuell" wird oft nur für biologische Männer verwendet, homosexuelle Frauen werden meist als lesbisch bezeichnet.

Diese übliche Definition von Hetero- und Homosexualität ist in mehrerer Hinsicht tückisch. Das "wahrgenommene Geschlecht, das sexuell attraktiv ist," hat nur Ausprägungen in Form linguistischer Terme, ist also kein nominalskaliertes Merkmal anderer Personen. Damit sind auch die Begriffe hetero- bzw. homosexuell unscharf und werden am besten ebenfalls als linguistische Terme verstanden, können also auf eine Person in verschiedenem Grad zutreffen.

Die Definition von Hetero- und Homosexualität ist ferner ziemlich unklar dahingehend, was das "eigene Geschlecht" ist. In den meisten Fällen wird darunter das biologische Geschlecht verstanden, genauer gesagt im Sinne des reproduktiven Geschlechts (Mann bzw. Frau). Begrifflich führt dies zu Problemen:

  • Die biologischen Geschlechter sind nominalskaliert, sind also insb. eindeutige Merkmale, und haben neben den häufigsten Ausprägungen "männlich" und "weiblich" weitere Ausprägungen, die selten auftreten.
  • Die wahrnehmbaren biologischen Geschlechter haben dagegen nur zwei Hauptcluster.
Als Konsequenz sind die Begriffe Hetero- und Homosexualität in dieser Begriffsvariante nicht sinnvoll anwendbar in Fällen, wo das eigene Geschlecht kein übliches biologisches Geschlecht ist.

Wenn man "eigenes Geschlecht" als wahrgenommenes biologisches Geschlecht versteht, steht man vor dem Problem, daß beides nur linguistische Terme sind, die mehr oder weniger zutreffen können. Hier ist ohne zusätzlichen definitorischen Aufwand unklar, was mit "gleichem" oder "verschiedenem" Geschlecht tatsächlich gemeint ist,

Zusammenfassung und Konsequenzen

Für jede sexualdimorphe Spezies ist sexuelle Attraktion in Form der Heterosexualität überlebensnotwendig. Sexuelle Attraktion muß nicht eigens erlernt werden, sondern ist automatisch vorhanden. Ferner ist intrasexuelle Konkurrenz ein Standardverhalten gegenüber Individuen mit dem gleichen wahrnehmbaren biologischen Geschlecht. Beides impliziert, daß folgende Fähigkeiten bzw. Merkmale biologisch angelegt und nicht abschaltbar sind:
  1. die Fähigkeit, anhand wahrnehmbarer biologischer Geschlechtsmerkmale Männer und Frauen zu unterscheiden und unterschiedlich viel Attraktion zu empfinden, und
  2. eine grundsätzliche Disposition, sich den beiden wahrnehmbaren biologischen Geschlechtern gegenüber verschieden zu verhalten, entweder werbend, auf sexuelle Kontakte zielend, oder konkurrierend.
Diese Disposition ist nicht zeitlich oder örtlich auf bestimmte Kontexte beschränkt, sondern prinzipiell immer vorhanden (ob sie sich in beobachtbarem Verhalten manifestiert und wenn ja, welchem, hängt von vielen weiteren Umständen ab; je ziviler eine Gesellschaft ist, desto mehr wird "triebgesteuertes" Verhalten unterdrückt). Sie ist aber nicht das Ergebnis sozialer Prozesse wie andere Lernvorgänge.

D.h. obwohl sexuelle Attraktion und die intrasexuelle Konkurrenz in hohem Maße das Verhalten gegenüber anderen Individuen steuern und zu geschlechtsbezogenen Verhaltensdifferenzen führen, ist dies kein sozial erlerntes Verhalten, und die Verhaltensdifferenzen sind biologisch verankert.

Die Messung bzw. Feststellung der sexuellen Attraktion kann in Laborumgebungen durch die medizinische Beobachtung von Körperreaktionen erfolgen. Im Alltag bzw. in wenig entwickelten Gesellschaften sind derartige relativ präzise Messungen nicht realisierbar. Daher werden vor allem die leicht beobachtbaren Verhaltensformen zur Messung herangezogen, auch wenn sie relativ unsichere Ergebnisse liefern. Der große Meßfehler solcher ungenauen Verfahren sollte aber nicht damit verwechselt werden, daß das beobachtete Phänomen gar nicht vorhanden ist.


Psychologische Geschlechtsbegriffe

Sexuelle Identität, Transidentität, Transsexualität und Transgender

Unter sexueller Identität versteht man das "Geschlecht", dem sich ein Individuum selber zuordnet, als das es sich empfindet, das es sein will. Die sexuelle Identität ist also eine geschlechtsbezogene Eigenschaft von Menschen, genauer gesagt ein psychisches bzw. mentales Geschlechtsmerkmal (im Gegensatz zu biologischen und sozialen Geschlechtsmerkmalen). Auf den Begriff sexuelle Identität bauen die Begriffe Transidentität, Transsexualität und Transgender auf. Mehr hierzu auf der separaten Seite "Sexuelle Identität".

Besondere praktische Relevanz haben diese Begriffe im Rahmen der in vielen Staaten hegemonialen politischen Machtposition von Trans-Aktivisten gewonnen.


Soziologische Geschlechtsbegriffe

Gender - Übersicht über die Begriffsvarianten

Wie schon in der Einleitung an Beispielen gezeigt, wird der Begriff Gender mit extrem verschiedenen Definitionen benutzt, die mehr oder weniger entfernt mit Sozialverhalten bzw. sozialer Rolle zu tun haben.

Ein erster Grund für die Konfusionen ist die unpassende (sozusagen falsche) Verwendung des Bezeichners "Gender" für den Begriff "biologisches Geschlecht" (bzw. "Sex"), z.B. in Gender-Medizin oder Gender-Mainstreaming, oder für "Geschlecht" als Oberbegriff. Dies sind - wenn keine Absicht dahinter steht - sozusagen redaktionelle Mängel, man kann sie theoretisch leicht beheben, indem man für einen bestimmten Begriff (in Sinne einer Definition) überall einheitlich den gleichen Bezeichner verwendet, was wir i.f. voraussetzen.

Die komplizierteren inhaltlichen Definitionsunterschiede kommen - wie auch sonst - daher, daß ein sehr abstrakter Begriff in verschiedenen Kontexten unterschiedlich konkretisiert wird. In diesen Kontexten dient der Begriff "Gender" jeweils anderen Zwecken und steht mit anderen Begriffen in Verbindung:

  • Gender als grammatische Geschlecht (Genus) von Substantiven
    Der Begriff "Gender" stammt aus der Sprachforschung und bezeichnet dort das grammatische Geschlecht (Genus) von Substantiven. Im Deutschen sind dies die Ausprägungen "Maskulinum (Androgynum)", "Femininum" und "Neutrum". Ein Zusammenhang zwischen grammatischen Geschlecht und Sozialverhalten wird nur in der weitgehend widerlegten Sapir-Whorf-Hypothese behauptet. Daher betrachten wir diesen Begriff hier nicht weiter.

  • Gender als persönliche sexuelle Orientierung
    Der Begriff "Gender" wird vielfach als Synonym für die persönliche sexuelle Orientierung benutzt, z.B. bei den berühmten über 60 Geschlechtern bei Facebook. "Sexuelle Orientierung" umfaßt hier ein unklares Konglomerat von Merkmalen:
    1. biologische Merkmale, insb. die sexuelle Attraktion,
    2. psychologische Merkmale wie die sexuelle Identität,
    3. soziale Merkmale, z.B. das Paarungsverhalten
    sowie weitere, eher unklar definierte und nur für Eingeweihte verständliche Merkmale. Zweck dieser Begriffe ist primär die Selbstdarstellung, die Selektion passender Beziehungspartner und die Formulierung von Anweisungen an die Umwelt, z.B. mit bestimmten Pronomen bezeichnet zu werden.

  • Gender als empirische Klassifikation beobachtbaren geschlechtsspezifischen Sozialverhaltens
    Der Begriff "Gender" wird sehr oft informell als soziales Analogon zum biologischen Geschlecht definiert und wäre dann eine empirische Klassifikation beobachtbaren geschlechtsspezifischen Sozialverhaltens. Mehr Details dazu im nächsten Abschnitt.

  • Gender als Machtinstrument zur Durchsetzung von Diskriminierungen (von Frauen)
    Der Begriff "Gender" wird in großen Teilen der Gender Studies und feministischen Ideologie normativ verstanden. Hierbei wird ein grundsätzlich anderes Modell der Realität unterstellt, in dem "Gender" ein Machtinstrument zur Durchsetzung von Diskriminierungen ist. Das "soziale Geschlecht" wird einer Person zugewiesen, um sie in bestimmte Rollen bzw. Verhaltensmuster zu zwingen. Mehr Details dazu weiter unten.


Das Problem der unbegrenzt vielen denkbaren Verhaltensarten bzw. -Dimensionen

Der empirische wie der normative Gender-Begriff beziehen sich beide auf das "Sozialverhalten" oder "Rollen" von Individuen. Offen bleibt, was damit gemeint ist. "Verhalten" ist ein nahezu beliebig weit dehnbarer Begriff. Die wichtigsten Verhaltenskategorien bzw. Dimensionen, in denen unterschiedliches Verhalten von Frauen und Männern zu beobachten ist und die daher in der Geschlechterdebatte wahrgenommen werden, sind:
  • direkte Reproduktionstätigkeiten: Zeugung, Vorbereitung der Geburt, Geburt, Stillen nach der Geburt
  • Wahl von Sexualpartnern (Sex, auch ohne Zeugung)
  • Flirten, Anbahnung von sexuellen Beziehungen
  • Innenverhältnis in Beziehungen / Ehe (wer putzt wieviele Minuten pro Woche? Ist Schuheeinkaufen auch Arbeit? ...)
  • Berufswahl
  • Sport
  • Wahl der Kleidung
  • Meinungen (wer denkt was über andere und "achtet" / "wertschätzt" die Gegenseite, ...)
usw.usw. Zusätzlich kann man viele Unterkategorien bilden. Die einzelnen spezifischen Verhaltensweisen in diesen Dimensionen können fast beliebig kombiniert werden Die Zahl der denkbaren Verhaltensarten und damit Personenmerkmale ist im Prinzip praktisch unbeschränkt.

Konsequenzen für den empirischen bzw. normativen Gender-Begriff

Offensichtlich kann man nicht alle Aspekte des Verhaltens von Männern und Frauen bei der empirischen Beobachtung von Personen bzw. bei der postulierten normativen Wirkung eines Geschlechts berücksichtigen, sondern nur eine willkürliche Auswahl. Damit scheitert aber der Begriff Gender, sowohl in der empirischen wie der normativen Variante. Wenn Gender ein Merkmal von Personen sein soll, muß man die Menge der Ausprägungen dieses Merkmals beschreiben können. In den beiden folgenden Abschnitten gehen wir hierauf für den empirischen bzw. normativen Gender-Begriff detaillierter ein.


Der empirische Gender-Begriff

Gender als empirische Klassifikation beobachtbaren geschlechtsspezifischen Sozialverhaltens

Der empirische Begriff "Sex" unterstellt eine naturwissenschaftliche Denkweise und die Absicht, eine vorhandene Realität möglichst genau zu beschreiben, indem durch empirische Methoden möglichst gute Modelle der Realität entwickelt werden. Analog kann man einen empirischen Begriff "Gender" verstehen als beobachtbares Merkmal von Personen mit mehreren unterschiedlichen Ausprägungen. Ausprägungen dieses Merkmals sind bestimmte Kategorien von beobachtbarem, geschlechtsbezogenem Sozialverhalten.

Ermitteln kann man diese Kategorien mit Methoden der empirischen Sozialforschung, z.B. durch eine Clusteranalyse der beobachtbaren Verhalten (in einer bestimmten Population). Der empirische Begriff "Gender" ist also verbunden mit einer Nominalskala der Ausprägungen oder er unterstellt zumindest, daß diese Skala empirisch bestimmt werden könnte. Die Skala kann äußerlich ähnlich aussehen wie die Facebook-Skala, hat aber inhaltlich eine andere Bedeutung (die Facebook-Skala enthält viele Selbstdeklarationen, die keine empirische Relevanz haben).

Bestimmung von Ausprägungen

Zuständig für die Ermittelung der Kategorien sind empirische Sozialforscher. Die vorgefundenen Cluster sind zu benennen und bilden dann linguistische Terme. Ob und inwieweit ein linguistischer Term auf das Verhalten einer konkreten Person zutrifft, die Person also zu dem Cluster gehört, ist durch Vergleich mit den charakterisierenden Eigenschaften des Clusters zu berechnen.

Für den empirischen Gender-Begriff spielt es keine Rolle, ob Unterschiede im Sozialverhalten biologisch bestimmt oder sozial erlernt oder in Kombination von beidem entstanden sind. Entscheidend ist, daß sie in der Realität auftreten. Die oben zitierte Definition von "Gender" in der englischen Wikipedia entspricht insofern dem empirischen Gender-Begriff.

Konsequenzen aus der Willkürlichkeit der Wahl der beobachteten Verhaltensarten für den empirischen Gender-Begriff

Für einen empirischen Gender-Begriff müßte für jeder Verhaltensdimension eine Skala und ein Meßverfahren definiert werden. Oft ist unklar, wie die Skala und das Meßverfahren aussehen sollte. Was ist z.B. die "Kleidungskategorie einer Person"? Ein konkretes soziales Geschlecht wäre dann eine Kombination von je einer Verhaltenskategorie pro Merkmal. Die Zahl der denkbaren Kombinationen ist extrem hoch.

Praktisch ist die Idee also nicht realisierbar, einigermaßen genau beschreibbare soziale Geschlechter analog wie biologische Geschlechter durch empirische Verfahren zu bilden. Dies gilt nicht nur für einen wissenschaftlichen Ansatz im Forschungslabor, sondern auch im Alltag durch normale Menschen, die nur eine überschaubare Anzahl von Personen gut genug kennen. Wenn man nur 50 "Charaktere" kennt, kann man nicht unterbewußt 5.000 Geschlechtskategorien bilden.

Zusammengefaßt: Man kann ein empirisches Personenmerkmal "soziales Geschlecht" analog zum wahrnehmbaren biologischen Geschlecht postulieren, scheitert aber daran, Ausprägungen dieses Merkmals bzw. eine Skala von Ausprägungen zu bilden und entsprechende Kategorien von Personen abzugrenzen. Der Begriff ist daher sinnlos.

In der Praxis führen diese Probleme dazu, daß man bei der Betrachtung "sozialer Geschlechter" nur eine sehr kleine, willkürlich gewählte Menge von Personenmerkmalen heranzieht, darunter fast immer die sexuelle Attraktion und die sexuelle Identität, also in Wirklichkeit biologische bzw. psychologische Merkmale.

Ergänzende Literatur

  • David P. Schmitt: Statistical Abracadabra: Making Sex Differences Disappear. Psychology Today, 02.12.2015. https://www.psychologytoday.com/blog/sexual-personaliti ... sappear
    Gibt eine gut lesbare Übersicht über wichtige neue Veröffentlichungen zum Thema biologisch verursachte Differenzen im Verhalten und in Persönlichkeitsmerkmalen.


Der normative Gender-Begriff

Gender als Verhaltensvorschrift

In allen Kulturen kann man das soziale Phänomen beobachten, daß Personen anhand ihrer beobachtbaren geschlechtsspezifischen Körpermerkmale einem der beiden beobachtbaren biologischen Geschlechter zugeordnet werden und diese beiden Kategorien von Personen rechtlich oder in sozialen Erwartungen verschieden behandelt werden - beispielsweise müssen nur Männer Wehrdienst leisten, und Männer und Frauen kleiden sich verschieden. Es wird also mehr oder weniger intensiver Druck ausgeübt, sich in bestimmter Weise unterschiedlich zu verhalten.

In diesem Zusammenhang versteht man unter Begriffen wie Geschlechtsrolle (hierzu synonym: Geschlechterrolle) oder Rolle oder Rollenmodell eine bestimmte Menge von Verhaltensvorschriften (bzw. soziale Normen). Zu deren Durchsetzung muß wiederum Macht vorhanden sein.

Geschlechtsrollen sind historisch relativ langfristig beobachtbare Phänomene und insofern stabil. Da in der feministischen Ideologie postuliert wird, sie seien nicht von Natur aus vorhanden, wird geschlußfolgert, sie würden sozial produziert bzw. mit Blick auf das langfristige, wiederholte Auftreten "reproduziert". Für diese Reproduktion muß man wiederum die Existenz eines gesellschaftlichen Prozesses postulieren, der die Reproduktion sicherstellt - daher werden Geschlechtsrollen oft als "prozeßhafte" Phänomene bezeichnet, denn die Rollen ändern sich im Laufe der Zeit.

"Reproduktion" bezieht sich hier auf die Wiederholung von Phänomenen über wenigstens zwei Generationen hinweg. Der normative Gender-Begriff unterstellt also grundsätzlich eine historische Sichtweise. Er ist daher mit den enormen Problemen befrachtet, die äußeren sozialen Verhältnisse, deren psychologische Wirkungen und den Bildungsstand früherer Generationen exakt genug zu verstehen.

Thematisch kann eine Verhaltensvorschrift kleinere oder größere Lebensbereiche betreffen, sehr präzise oder nur unscharf definiert sein und mit verschiedenen Strafen und Sanktionen bei Zuwiderhandlung verbunden sein. Wie erfolgreich die Verhaltensvorschrift ist, also wie exakt das vorgeschriebene Verhalten später in der Realität bei einzelnen Personen oder im Durchschnitt beobachtet werden kann, spielt hier begrifflich keine Rolle, entscheidend ist nur die Existenz der Verhaltensvorschrift.

Soziale Konstruktion bzw. "Zuweisung" von Geschlecht

Der normative Gender-Begriff drückt also implizit aus, daß eine Gesellschaft Personen anhand ihrer wahrnehmbaren biologischen Geschlechter mittels einer oder mehrerer Geschlechtsrollen willkürlich zu unterschiedlichem sozialen Verhalten zwingt. Die Geschlechtsrollen sind also Machtinstrumente, mit denen Gesellschaften geformt werden und hinter denen bestimmte Akteure und Interessen bestehen. Passend dazu findet man in der feministischen Literatur oft die Behauptung, das Geschlecht / Gender würde einer Person "zugewiesen" oder sei - ggf. durch diese als Willkür empfundene Zuweisung - "sozial konstruiert" (Meissner (2008)). Judith Lorber definiert beispielsweise in dem Standard-Textbuch der Gender Studies "Gender-Paradoxien":
In meiner eigenen Arbeit spalte ich die übliche Zusammenfassung von Sex/Gender ... in drei deutlich unterschiedenen Kategorien ... - sex (Biologie, Physiologie), Sexualität (sexuelle Wünsche, sexuelle Präferenz, Orientierung, Identität) und gender (sozialer Status, Position in der sozialen Ordnung). Alle drei Kategorien sind sozial konstruiert, aber jede auf unterschiedliche Weise.
Insofern kann man sich fragen, ob "Gender" im normativen Sinne nicht eher eine Eigenschaft von Gesellschaften ist (anstatt, was normalerweise unterstellt wird, eine Eigenschaft einzelner Menschen) und welche Ausprägungen davon existieren. Bezogen auf eine Gesellschaft wäre es die Menge der Geschlechtsrollen oder allgemeiner geschlechtsspezifischer Verhaltensmuster, die in dieser Gesellschaft vorkommen. Bezogen auf eine einzelne Person wären es eine oder mehrere Geschlechtsrollen bzw. Verhaltensmuster, die von dieser Person praktiziert werden bzw. eingehalten werden müssen.

Unklar in der Begriffsbildung ist regelmäßig, ob eine Person nur genau ein Gender haben kann oder mehrere gleichzeitig (bei Verhaltensmustern). Wenn man die Menge aller Personen nach dem Geschlecht in disjunkte Gruppen einteilen will - das ist meistens der Fall - darf eine Person nur ein Gender haben.

Bestimmung der Ausprägungen von "Gender" beim normativen Gender-Begriff

Beim normativen Gender-Begriff sind dessen Ausprägungen, z.B. bestimmte Vorurteile, im Prinzip durch Analyse der Machtstrukturen einer Gesellschaft zu bestimmen, unter Einsatz von Methoden der empirischen Sozialforschung. Ob sich die Machtstrukturen in meßbaren Verhaltensunterschieden äußern, ist im Prinzip unerheblich.

Häufig wird allerdings schon alleine aus der Existenz von sozialen Ungleichheiten, z.B. Gehaltsdifferenzen, monokausal und belegfrei auf die Existenz einer diffuser Machtstrukturen (z.B. unsichtbare gläserne Decken) zurückgeschlossen, die genau diese Ungleichheit bzw. Diskriminierung erzeugen. Grau (2015) weist auf den "Entlarvungsgestus" dabei hin, oft hat die Argumentation auch die Qualität einer Verschwörungstheorie.

Welche Gender-Ausprägungen insgesamt existieren, hängt damit offenbar nur von der Kreativität des "Patriarchats", also einem Phantasieprodukt ab. Ein Genderforscher braucht daher keine komplette Skala von Gender-Ausprägungen zu erstellen, sondern kann sich darauf beschränken, einzelne Diskriminierungen zu postulieren und sie mit dem pauschalen Verweis auf "das Patriarchat" oder "patriarchale Strukturen" zu "beweisen". Dies erklärt den verblüffenden Befund, daß zwar sehr häufig von Gender als "sozialem Geschlecht" die Rede ist, aber praktisch nie konkrete Ausprägungen angegeben werden, die nicht in Wirklichkeit biologisch oder psychologisch definiert sind.

Konsequenzen aus der Willkürlichkeit der Wahl der beobachteten Verhaltensarten für den normativen Gender-Begriff

Der normative Gender-Begriff ist nicht direkt von dem Problem der nicht beherrschbaren Zahl von sozialen Geschlechtskategorien betroffen, denn er zielt ja nicht auf die Bildung solcher Kategorien, sondern behandelt nur die Ursachen (Diskriminierungen), die möglicherweise zur Bildung solcher Kategorien führen.

Indirekt ist der normative Gender-Begriff trotzdem betroffen, weil vielfach von erkennbaren Geschlechterunterschieden auf eine Diskriminierung zurückgeschlossen wird und in diesem Zusammenhang als Ausgangsbasis empirische Geschlechtskategorien gebildet werden.

Literatur



Spezielle Probleme des normativen Gender-Begriffs

Fehlende Unabhängigkeit biologischer und sozialer Verhaltensdifferenzen

Für den empirischen Gender-Begriff spielen die Ursachen geschlechtsbezogener Verhaltensunterschiede keine Rolle, denn es wird nur der Zustand, aber nicht dessen Entstehung beschrieben (im Prinzip zumindest). Für den normativen Gender-Begriff ist es ein zentrales Problem, zwei Arten von Verhaltensunterschieden trennen zu müssen: die biologisch oder psychologisch verursachten und die durch soziale Strukturen verursachten. Oft wird betont, unmittelbar reproduktives Verhalten, z.B. Gebären von Kindern, sei natürlich biologisch bestimmt und nicht sozial konstruiert, und mit dieser Haltung sei gezeigt, daß man die biologischen Aspekte anerkenne und angemessen berücksichtigt habe. Die oben zitierte Definition von Lorber greift zu dem Trick, einfach definitorisch zwischen biologisch, psychologisch und sozial verursachten Verhaltensdifferenzen zu trennen. Dies unterstellt stillschweigend, daß diese Ursachen überhaupt trennbar sind und nicht zusammen, sondern unabhängig voneinander wirken.

Diese Unabhängigkeits-Annahme wäre erst einmal zu beweisen. Sie steht in krassem Gegensatz dazu, daß biologisch oder psychologisch verursachte Verhaltensdifferenzen nahezu alle Lebensbereiche beeinflussen (s. u.a. Baumeister (2007), Baumeister (2010), Baron-Cohen (2006), Bischof-Köhler (2004), Bischof-Köhler (2011)), in einigen Verhaltensbereichen sogar dominierend.

Ohne diese Unabhängigkeits-Annahme implodiert der normative Gender-Begriff sozusagen: wenn es keine ausschließlich sozial verursachten sozialen Geschlechterdifferenzen gibt, dann wird er sinnlos und müßte im Sinne der englischen Wikipedia-Definition für biologische Einflußfaktoren geöffnet werden. Man kann dann auch nicht mehr folgern, das Verhalten nach Belieben durch Interventionen und Umerziehungsmaßnahmen anders gestalten zu können.

Abhängigkeit von umstrittenen sozialen Theorien und willkürlichen ethischen Wertungen

Wie schon oben erwähnt ist beim normativen Gender-Begriff "ein Gender" eine spezielle Form von sozialem Mechanismus, der i.a. als Diskriminierung verstanden wird, d.h. dessen Auswirkungen ethisch verurteilt werden. Man wird also hier begrifflich abhängig von:
  1. sozialen Theorien, wonach die unterstellten Mechanismen alleinige oder wesentliche Ursache der Auswirkungen sind - die in diesem Zusammenhang präsentierten sozialen Theorien sind regelmäßig hochumstritten -
  2. von ethischen Bewertungen - diese sind prinzipiell immer willkürlich.
Beim normativen Gender-Begriff ist also die Frage, welche Ausprägungen ("soziale Geschlechter") vorhanden sind, weitgehend willkürlich zu beantworten, sofern man nicht von vorneherein auf biologische und psychologische Geschlechtsdefinitionen zurückgreift.

Weitere Kampfbegriffe

Kampfbegriff "gender-sensibel"

Der Begriff "gender-sensibel" (bzw. "Gender-Sensibilität") drückt aus, daß irgendjemand besonders sensibel (a) über Genderfragen nachdenkt oder (b) besonders viel Rücksicht auf "das Gender" von Personen nimmt.

Was "das Gender" von Personen ist, bleibt fast immer undefiniert. In der Praxis läuft es auf das biologische Geschlecht hinaus.

Worin die Sensibilität genau besteht, bleibt ebenfalls völlig offen und liegt im Ermessen von tonangebenden Feministinnen.

Gender-Sensibilität überlappt begrifflich stark mit dem Begriff Gender Mainstreaming, ohne dessen etwas hölzernen Klang und offiziellen bürokratischen Charakter zu haben. Er hat aber die gleiche versteckte Schlagseite, faktisch fast immer für eine Bevorzugung von Frauen zu stehen.

Eine sich als gender-sensibel darstellende Person positioniert sich zugleich als moralisch besonders hochstehend, und da Sensibilität ein weiblich konnotierter Begriff ist, also als moralisch überlegen, denn Frauen lügen nicht. Männer werden sich i.d.R nicht als gender-sensibel bezeichnen oder bezeichnet werden. Analog dazu kann, wenn ein gender-sensibles Verhalten gefordert wird, dessen Ablehnung ohne jede Sachdiskussion als moralisch minderwertige Position diskreditiert werden.



Kampfbegriff "gendergerecht"

Der Kampfbegriff "gendergerecht" drückt aus, daß etwas - eine Sprechweise, ein Verhalten o.ä. - eine oder die einzige moralisch vertretbare Alternative in einer Situation ist, während andere, nicht erwähnte Alternativen "ungerecht" sind. Er wird sehr oft im Zusammenhang mit der Sprache ("gendergerechte Sprache") verwendet.

I.d.R. wird nicht begründet, was an den bevorzugten Alternativen gerecht und an den anderen Alternativen ungerecht ist. Bei ungegenderten Sprechweisen ist es z.B. hochgradig umstritten und zweifelhaft, daß diese in irgendeinem Sinne schädlich oder ungerecht sind.

In "gendergerecht" sind die beiden enthaltenen Begriffe "Gender" und "gerecht" weitgehend undefiniert. Man kann davon ausgehen, daß dies Absicht ist, um so die Fragwürdigkeit des Begriffs zu kaschieren.

Aus dem Kontext ergibt sich i.d.R., daß Frauen und Männer unterschieden werden sollen, mit "Gender" das biologische Geschlecht gemeint ist. Das ist aber gerade das Gegenteil dessen, was mit dem Begriff "Gender" von Personen im Sinne eines sozialen Geschlechts intendiert war. Es bleibt also unklar, welche Personengruppen oder -Typen hinsichtlich der Gerechtigkeit oder rechtlicher Regelungen zu unterscheiden sind. Beim Begriff "gerecht" bleibt völlig offen, auf welche Gerechtigkeitstheorie und welche Rechtssubjekte man sich bezieht, also nach welchen Maßstäben Dinge als gerecht oder ungerecht beurteilt werden.

Besonders tückisch ist hier eine versteckte antidemokratische Haltung. In einer liberalen Demokratie haben grundsätzlich nur Individuen Rechte und Anspruch auf gerechte Behandlung, willkürlich gebildete Kollektive hingegen nicht. Der Begriff "gendergerecht" wird im Gegensatz dazu sehr oft in einem Sinn benutzt, daß Kollektive - hier gebildet aus den Individuen, die sich einem bestimmten Gender zuordnen - Inhaber von Rechten sind bzw. Anspruch auf Gerechtigkeit haben, z.B. sprachlich repräsentiert zu werden oder Machtpositionen besetzen zu dürfen. Der Begriff "gendergerecht" ist insofern ein Angriff auf die elementaren Grundlagen unserer Rechtsordnung.

Ähnlicher Begriff: gender-sensibel



Kampfbegriff "Anti-Genderismus"

"Anti-Genderismus" ist i.w. ein feministischer Kampfbegriff, dessen wörtliche Bedeutung völlig unklar ist, der aber generell immer im Sinne einer böswilligen, ungerechten Kritik am oder Widerstand gegen den Feminismus benutzt wird. Beispielsweise ist Anti-Genderismus für Hark (2015) eine »Anti«-Haltung, eine Abwehr gegen Gender beziehungsweise gegen das, was diesem Begriff unterstellt wird. Analog zum Begriff Antifeminismus dient die negativ besetzte Vorsilbe "anti" dazu, jegliche Feminismuskritik zu denunzieren

Der Begriff ist insofern ein Kuriosum, als es den Basisbegriff "Genderismus" zumindest in der feministischen Terminologie nicht gibt. Die feministisch kontrollierte Wikipedia hat z.B. keinen Eintrag dafür. Wenn man Anti-Genderismus = Antifeminismus setzt, dann ist Genderismus = Feminismus, steht also z.B. für die blank-slate-Hypothese, die freie Wahl des Geschlechts oder ähnliche feministische Dogmen. In diesem Sinn wird Genderismus z.T. in religiös geprägten Beiträgen als Schimpfwort benutzt. Als Selbstzuschreibung wird er von Feministinnen wegen seines negativen Klangs ("ich bin für mehr Genderismus") i.d.R. nicht genutzt.

Diametral entgegengesetzt zur vorstehenden Bedeutung definiert die englische Wikipedia den Begriff Genderism:

Genderism, or gender binarism, is the social system or cultural belief that gender is a binary: that is, that there are, or should be, only two genders-masculine and feminine-with the aspects of one's gender inherently linked to one's genetic sex, or sex assigned at birth.
Nach dieser Definition sind Feministen offensichtlich Anti-Genderisten. Je nach Kontext steht der Begriff Anti-Genderismus also wahlweise für (Pro-) Feminismus oder Antifeminismus.

Quellen



Kampfbegriff "Zweigeschlechtlichkeit" bzw. "(Geschlechts-) Binärismus"

Unter Zweigeschlechtlichkeit bzw. (Geschlechts-) Binärismus versteht man in feministischen bzw. transaktivistischen Kontexten (s.a. Anmerkungen) die als falsch angesehene These, daß es nur zwei Geschlechter gibt - und nicht 5 oder 73 oder sogar eine Kontinuum von Geschlechtern, also unbeschränkt viele Geschlechter. Ferner wird ausgedrückt, daß die Gesellschaft ungerechtfertigt jedes Individuum zwingt, sich einem der beiden Geschlechter Mann und Frau zuzuordnen.

Offen bleibt hierbei, auf welchen Geschlechtsbegriff man sich bezieht, und darin liegt der wesentliche Trick dieses Kampfbegriffs. Mit Verweis auf Intersexuelle kann man relativ leicht zeigen, daß zwei Geschlechtskategorien nicht für alle Zwecke ausreichen. Damit hat man scheinbar den in dem Begriff liegenden Vorwurf bewiesen, daß die Einschränkung auf zwei Geschlechter falsch ist und stattdessen beliebige weitere Geschlechter anerkannt werden müssen. Gleichzeitig wird ein hoher Opferstatus für Personen reklamiert, die sich als non-konform, also nicht zu den zwei üblichen Geschlechtern zugehörig, definieren.

Der Argumentationstrick- bzw. Fehler besteht darin, einen universell anwendbaren Geschlechtsbegriff zu unterstellen, den es aber, wie hier ausführlich dargestellt, nicht sinnvoll geben kann. Daß es biologische Problembereiche gibt, die mehr als zwei Geschlechter benötigen, beweist eben gerade nicht, daß diese Klassifizierung auch in anderen Problembereichen notwendig und angemessen ist und daß Klassifizierungen in zwei Geschlechter generell falsch sind. Insb. ist damit überhaupt nicht bewiesen, daß die i.d.R. unsauber definierten psychologischen bzw. sozialen Geschlechtsbegriffe sinnvoll sind bzw. die Realität korrekt abbilden.

Anmerkungen

Im allgemeinen Sprachgebrauch, zumindest nach der Definition des Duden und anderer Lexika, hat der Begriff Zweigeschlechtlichkeit eine völlig andere Bedeutung, nämlich das Vorkommen von doppelgeschlechtlichen Individuen, bei denen männliche und weibliche Geschlechtsausprägungen gleichzeitig auftreten. Damit ist es weitgehend bedeutungsgleich mit (bzw. ein Synonym von) Androgynität, Hermaphroditismus, Zwittertum oder Zwittrigkeit.


Nonsense-Begriffe im Themenbereich Geschlechtsbegriff: agender, nichtbinär, genderfluid

Eine Reihe von Begriffen im Themenbereich Geschlechtsbegriff kann man noch so eben als Kampfbegriffe bezeichnen, da sie die Debatte vernebeln und eine versteckte Agenda befördern wollen. Hauptmerkmal dieser Begriffe ist indes, daß sie definitorische Fehlkonstruktionen sind und eigentlich keinen Sinn machen (weswegen man sie eher als Bullshit im Sinne von Harry G. Frankfurt bezeichnen könnte). Beispiele hierfür sind agender, nichtbinär und genderfluid.

Hierbei handelt es sich um Bezeichnungen für eine Ausprägung des Merkmals Geschlecht - es bleibt offen, welcher Anwendungskontext und welcher Geschlechtsbegriff gemeint ist (biologisch kommt nicht infrage, möglich wäre ein psychisches (bzw. mentales) oder soziales Geschlecht).

Welcher Geschlechtsbegriff auch immer gemeint sein mag, die Ausprägung "agender" soll andeuten, daß man keine Ausprägung davon hat. Man negiert hier also, daß das Merkmal Geschlecht auf einen zutrifft, will aber trotzdem danach klassifiziert werden und sich von Personen anderen Geschlechts unterscheiden. Das ist ein innerer Widerspruch.

Ersatzweise könnte man "agender" als "anders als alle anderen Geschlechter, die eine klare Definition haben" auffassen. Es gibt dummerweise mehrere Geschlechter, die keine klare Definition haben, daher hilft dieser Ansatz nicht weiter. "agender" kann auch nicht als "unbekannt" aufgefaßt werden, denn wenn die Ausprägung unbekannt ist, kann man nicht wissen, daß sie anders als diverse andere Ausprägungen ist.

Die Ausprägung "nichtbinär" (die mehr oder weniger bedeutungsgleich mit "[gender] non-konform[ing]" zu sein scheint) ist eine ähnliche Fehlkonstruktion wie "agender". "Binär" ist eine Eigenschaft von Geschlechtsbegriffen, sie besagt, daß es genau 2 Ausprägungen dieses Merkmals gibt. "Binär" ist grundsätzlich keine Eigenschaft von Personen, "binär" auf Personen anzuwenden ist sozusagen ein Kategorienfehler. Das gleiche gilt für die Negation von "binär", Aus den gleichen Gründen wie bei "agender" hilft die Ersatzbedeutung "anders als die beiden üblichen Geschlechter" nicht weiter.

Um die Unsinnigkeit von "genderfluid" zu erkennen, muß man sich klar machen, daß der Sinn von Geschlechtsbegriffen immer darin besteht, in einem bestimmten Anwendungskontext Personen abhängig von ihrem Geschlecht unterschiedlich zu behandeln. Sonst bräuchte man die Begriffe nicht und es gäbe sie nicht. Die unterschiedlichen Behandlungen von Personen unterschiedlichen Geschlechts sind i.d.R. langfristig angelegt. Wenn sich nun das Geschlecht einer Person immer wieder kurzfristig ändern kann, kommt es zu ständig zu Falschbehandlungen. D.h. indirekt wird hier die unterschiedliche Behandlung von Personen unterschiedlichen Geschlechts - die sich i.d.R. aus einem realen Bedarf ergibt - torpediert, damit wird der Geschlechtsbegriff als solcher infrage gestellt bzw. negiert.